Full text: Johannes Bünderlin von Linz und seine Stellung zu den Wiedertäufern

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Ausfluss dieses Grundsatzes war es, dass sie sodano den Unter¬ 
schied zwischen Weltlichen und Geistlichen überhaupt leugneten, 
dass sie das Predigtamt. auch dem Laien zuerkannten, was von 
selbst den Gebrauch der Landessprache bei Ausübung der kirch¬ 
lichen Functionen zur Folge hatte. 
„In der Religion dürfe nichts gelten, was nicht in der 
Schrift steht" und „Die Heiligkeit des Lebens ist die erste 
Bedingung zur Erlangung der ewigen Seligkeit" waren ihre vor¬ 
nehmsten Glaubenssätze. In gleichem Sinne sprachen sich die 
deutschen Mystiker, Meister Eckart, Tauler, Ruysbrock und spätere 
mystische Schriftsteller dahin aus, dass das Christenthum die Auf¬ 
gabe habe, die Menschheit von dem Dienste des äusseren Gesetzes 
und von der Furcht vor einem jenseitigen Herrn zur Freiheit der 
Kinder Gottes zu führen, die sich im Vater wiederfinden und in 
der Stimme des Gewissens sein Gebot erkennen. Dem äusseren 
Gottesdienste stellten sie so die innere Frömmigkeit, die Heilig¬ 
keit des Herzens gegenüber. 
Die Mystiker giengen von der Ansicht aus, dass es dem 
Menschen möglich sei, das Uebersinnliche, die Gottheit, zu er¬ 
fassen. Dies könne zwar nicht der Verstand, aber das Herz. 
Wenn der Mensch sich in die Betrachtung seiner selbst 
versenkend, in den Zustand religiöser Begeisterung, religiöser 
Ekstase verfalle, so fühle er sich als Theil der Gottheit, der 
Umfang seines durch das normale Selbstbewusstsein erkannten 
Ichs erweitere sich, er erkenne die Einheit seines Ichs, der Welt 
und der Gottheit. Damit aber der Mensch in seinem Herzen die 
Gottheit erkenne, dazu bedürfe er keiner Erklärung, keiner Offen¬ 
barung. Sie offenbare sich jedem in seinem Innern, der den heissen 
Wunsch nach Vereinigung mit ihr im Herzen trage. In seiner 
allmittheilsamen Liebe erschliesse sich Gott dem Endlichen und im 
Erkennen dieser Liebe kehre das Endliche zur Gottheit zurück. 
In der Hingabe an das Unendliche finde der Mensch den Frieden 
und gewinne die Freiheit. 
Der mystischen Lehre konnte fürderhin keiner aller jener 
Reformatoren mehr entrathen, welche dem Buchstabenglauben 
Mus.-Jahr.-Ber. XLVL 2
	        
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