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Graf Stürgkh ein. Er schloß mit der Anfrage an den
Minister des kaiferlichen und königlichen Hauses und des
Aeußern: „Ist sich Seine Exzellenz der eminenten Gefahren
für die Dynastie und für die Monarchie bewußt, die durch
die Reform heraufbeschworen werden? Wenn ja, was ge—
denkt sie zu tun, um die Gefahr abzuwenden?“ Graf Go—
luch owski war freilich ein Gegner der Vorlage, aber das
Haupt der Dynastie und der Monarchie war dafir.
Das Volksparlament.
Die Beratungen gestalteten sich sorgenvoll, die meisten
Schwierigkeiten bereitete die Verteilung der Mandate. Als
Gautsch sah, daß seine Person hinderlich sei, gab er seine
Entlassung. Nach dem Maiministerium des „roten Prinzen“
Hohenlohe kam Freiherr v. Beck. Er verstand sich aufs
Haändeln“ mit den Parteien. Zuletzt griff die Krone ein
und nun gedieh Ende Oktober 1906 die Beratung im Aus—
schuß zu Ende. Goluchowski schied aus dem Amte! Den
15 Dezember wurde die Vorlage im Plenum angenommen,
das Herrenhaus gab schließlich auch nach und den 26. Jänner
1907 erfolgte die Sanktion des Kaisers. Oesterreich
hat das Volksparlament, Ungarn noch immer nicht.
Wird es unser Zwillingsstaat erhalten? Nach den Erfah—
rungen bei uns ist es zweifelhaft. Denn ob die Dinge
durchs Volkshaus besser geworden sind, als sie unter dem—
Privilegienparlament waren, wer wollte die Frage unbe—
dingt bejahen? Das hat verschiedene Gründe; einer davon
ist Jewiß der: Es sind zu viel Abgeordnete! Etwa die
Hälfte von 516 wäre genug, so daß auf ungefähr 100.000
Bewohner ein Vertreter entfiele, wie es im Deutschen Reich
Grundsatz ist.
Bereits zweimal sind gut ein Fünftel aller Einwohner
zur Wahlurne geschritten: im Mai 1907 und im Juni
1911. Bald nach der ersten allgemeinen Wahl schlossen sich
die katholisch gesinnten Deutschen zur christlichsozialen
Vereinigung zusammen und wir haben es mit Freuden
begrüßt. Sie häben im ersten Volksparlament die stärkste
Gruppe gebildet und sind — vielleicht war's ein Fehler
— ins Ministerium eingetreten. In den jüngst verflossenen
Juniwahlen erlagen sie in Wien und Niederösterreich
dem Ansturm der vereinigten Gegner. Kein Zweifel, unter
den Gründen hiefür steht obenan außer dem zu frühen
Tode des großen Führers Lueger der Mangel an Organi—
sation. Auch in unserem Oberösterreich sahen wir, wie not