dieser Basis zu einer Einigung zu gelangen. Nur müsse der Minister, wie
ich glaubte, seinen ganzen Einfluß aufbieten, damit Serbien diese Lösung
auch annehme.
Herr Sasonow bemerkte darauf, er bedauere, mir nicht alle Instruk¬
tionen zeigen zu können, die er in den letzten Wochen nach Belgrad
gerichtet habe, ich würde mich selbst davon überzeugen können, daß er
es an sehr ernsten Mahnungen nicht habe fehlen lassen. „Sind Sie aber
auch ganz sicher,“ antwortete ich, „daß Ihre Weisungen alle ausgeführt
worden sind?“ Der Minister gab zu, daß Herr von Hartwig große
Sympathien für die Sache der Slawen habe, von leidenschaftlichem Cha¬
rakter sei und sich wohl auch gelegentlich durch seine slawophilen Ge¬
sinnungen hinreißen lasse: «II est slavophile comme son nom l’indique,»
fügte der Minister hinzu, «quelqu’un qui s’appelle Hartwig est toujours
plus slavophile que quelqu’un qui s’appelle Sasonow.» Es war das erste¬
mal, daß der Minister mir gegenüber einige abfällige Bemerkungen über
den russischen Gesandten in Belgrad fallen ließ. Dem italienischen Ge¬
schäftsträger hat Herr Sasonow vor einigen Tagen bezüglich des Herrn
von Hartwig gesagt: «Soyez tranquille, nous le tenons en main.»
Mit sichtlicher Erleichterung erwähnte der Minister die „entschieden
günstigeren Nachrichten“, die gestern aus Belgrad eingetroffen seien.
Ich halte es nicht für unmöglich, daß die pessimistische und ernste
Sprache, die wir vor vierzehn Tagen zu hören bekamen, abgesehen
von höfischen Einflüssen vielleicht auch darauf zurückzuführen ist, daß
Herr Sasonow zu zweifeln anfing, ob es ihm gelingen würde, die durch
ihre Siege berauschten Serben zur Besinnung zu bringen. Daß er in
eine äußerst schwierige, wahrscheinlich unhaltbare Lage
geraten würde, wenn zwischen Österreich-Ungarn und
Serbien der bewaffnete Konflikt ausbräche, scheint mir
unzweifelhaft. (?) Es wäre eben der vollständige Schiffbruch seiner
von sehr einflußreichen Kreisen stark angefeindeten Politik. Daß er
selbst an dieser Politik festhalten und, wenn irgend möglich, mit Öster¬
reich-Ungarn zu einer Einigung gelangen möchte, scheint mir aus seiner
Haltung in den letzten Tagen deutlich hervorzugehen. (?) Der anscheinend
abnehmende Einfluß der Kriegshetzer in Zarskoje Selo und die Anzei¬
chen eines Einlenkens in Belgrad haben ihm offenbar wieder den Rük-
ken gestärkt. Ich habe die von mir erwähnten Zugeständnisse an die hie¬
sige öffentliche Meinung auch immer nur als ein Zeichen beginnender
Schwäche gegenüber dem wachsenden Einfluß seiner panslawistischen
Gegner angesehen. Herr Sasonow hat trotzdem immer noch versucht,
gegen den Strom zu schwimmen, und klammert sich, wie man sieht,
überall an, wo er einen Halt findet.
Man wird die schwierige Lage dieses Ministers nicht unterschätzen
dürfen, der angeklagt wird, ein Verräter an den heiligsten Traditionen
Rußlands zu sein und mit den Feinden der slawischen Sache zu pak¬
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