Auseinandersetzungen mit den Letten
93
lagen, im Außenhafen durch, ohne indessen die gelegentliche Entnahme eines
Teils der Waffen unter unwahren Vorwänden verhindern zu können.
Trotz dieser Gegenwirkung bestand die lettische Streitmacht Mitte März
außer dem sehr stark mit Offizieren durchsetzten Bataillon Ballod
(800 Mann) aus fünf Infanterie-Kompanien und einer Kavallerie-
Abteilung im Kriegshafen von Liban, je einem Rekrutendepot in Nieder¬
bartau und Kapseden und einem Reserve-Bataillon in Hasenpot'). Die Ge¬
samtstärke der lettischen Truppen wurde damals immerhin auf 3600 Mann
geschätzt. Die Stimmung galt beim Bataillon Ballod als zuverlässig anti¬
bolschewistisch und nationallettisch, bei den verschiedenen Neubildungen da¬
gegen als ausgesprochen bolschewistisch und regierungsfeindlich, aber als
jeder Propaganda zugänglich.
Neben diesen Organisationsversuchen her ging die Einsetzung lettischer
Ortskommandanten in dem von den Deutschen eroberten Gebiet. Ein solcher
erschien sogar in dem eben von den Deutschen genommenen Mitau und
begann seine Tätigkeit damit, daß er ohne Rücksicht auf die Empörung
der Truppe und der Einwohnerschaft einen ausgesprochen deutschfeind¬
lichen Aufruf anschlagen ließ — angeblich auf direkten Befehl feiner Regie¬
rung. Er drohte, als eine neu aufgestellte lettische Pionier-Kompanie
eintraf, mit Anwendung von Gewalt und mußte deshalb in Schutzhaft
genommen werden. Die Pionier-Kompanie hatte unterwegs einen Eisen¬
bahnwagen mit Waffen und Munition geplündert, gab aber das geraubte
Gut wieder heraus und benahm sich loyal. Sie wurde zum Bataillon
Ballod abgeschoben.
Der Ortskommandant von Durben versuchte durch Drohung mit Waffen¬
gewalt deutsche Truppen zur Herausgabe beschlagnahmter Pferde zu
zwingen. Es bedurfte eines regelrechten Ultimatums des Generalkomman¬
dos, um die lettische Regierung zum Einschreiten und zur Gewährung von
Genugtuung zu veranlassen. Ende März erging schließlich an die deutschen
Dienststellen die schwer zu befolgende Weisung, die Errichtung lettländischer
Behörden „zu dulden, aber zu überwachen". Die Reibungen waren in der
Regel da gering, wo auf lettländischer Seite gebildete Persönlichkeiten auf¬
traten, was aber vielfach nicht der Fall war.
Nebenher gingen dauernde kleine Streitigkeiten wegen der im Lande
befindlichen deutschen Vorräte, wegen der systematischen Benachteiligung
der deutschen Besitzer, wegen der die deutschen Truppen nicht berücksichti¬
genden Beitreibungen u. dgl.
*) Karte 1.