Full text: Das Bild als Waffe

B. Witzblatt. 
Während die Zeitung dem tendenzbestimmten Bild nur einen 
beschränkten Raum in ihren Spalten zuweisen kann, widmet sich ihm das 
Witzblatt in weit stärkerem Maße. Befreit von der Verpflichtung, 
die einer Tageszeitung nun einmal auch in Kriegszeiten obliegt, den Leser 
zu unterrichten, ihm Nachrichten zu bieten, dient das Witzblatt der Er¬ 
heiterung und der Kritik. Die Unterscheidung zwischen den verschiedenen 
Typen des Witzblattes, dem politischen, galanten und mondänen 72, wird 
von der alles politisierenden Hochspannung des Krieges verwischt. Das 
giftige Lachen des Spottes und Hohnes tritt an die Stelle des humorvollen 
Scherzes geruhsamer Zeitläufte. Mit der ätzenden Lauge satirischer Kritik 
übergießt das Witzblatt den äußeren Feind; e r ist der große politische 
Gegenspieler, ohne den es nicht leben kann und zum Dahinvegetieren ver¬ 
dammt ist, wenn es nicht in der Moralkritik ein neues Betätigungs¬ 
feld findet. 
Seit der Revolution von 1789 war das Witzblatt im demokratisierten 
Frankreich ein Faktor politischer Meinungsbildung, 
dessen Bedeutung man nicht an ähnlichen publizistischen Erzeugnissen 
anderer Länder messen darf. Seine Tradition ging von der Revolution 
über das Bürgerkönigtum, das zweite Kaiserreich und die Gesellschafts¬ 
kritik der Jahrhundertwende zum Weltkrieg, in dem das Witzblatt — man 
kann es freilich kaum noch „Witz“blatt nennen — als Träger der Bild¬ 
propaganda eine bisher unerreichte Wirksamkeit entfal¬ 
tete. Die schlimmsten Blüten der Greuelpropaganda gediehen in der gift¬ 
schwangeren Atmosphäre eines RIRE ROUGE oder einer BAION- 
NETTE. Die Lektüre solcher und ähnlicher Blätter ist heute kein reiner 
Genuß mehr. War sie es jemals? 
Bei Kriegsausbruch befanden sich die Pariser Witzblätter in einer 
ähnlichen Zwangslage wie die Zeitungen. Ihr Erscheinen wurde mit nur 
einer einzigen Ausnahme eingestellt. Der Feind stand vor der Toren der 
Hauptstadt; man hatte das Lachen verlernt. Als Ersatz veröffentlichten 
mehrere Verlage Einzeldrucke, Lithographien und Postkarten. 
Nach dem „Marnewundercc und dem Beginn des Stellungskrieges 
setzte das Witzblatt langsam wieder ein. Alte Titel lebten wieder auf, v 
neue kamen hinzu. Als erstes Blatt brachte das PETIT JOURNAL sein 
geistloses, aber weitverbreitetes SUPPLEMENT ILLUSTRE heraus, das 
eine Mittelstellung zwischen Magazin, Witzblatt und volkstümlicher 
Unterhaltungsbeilage einnahm. Es folgte die EUROPE ANTIPRUS- 
SIENNE Grand-Carterets, der als einer der ersten den propa¬ 
gandistischen Wert der Karikatur erkannt hatte und aus seiner Zeitschrift 
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