Full text: Das Bild als Waffe

Immerhin liegt bei unserer Methode des Wirkungsnachweises ein Ein¬ 
wand nahe, der auf den ersten Blick als stichhaltig erscheinen könnte, sich 
jedoch bei näherem Zusehen als trügerisch erweist: Gehen denn, so könnte 
man nämlich fragen, alle als Abwandlungsbilder gekennzeichneten Bei¬ 
spiele auf die Forainsche Urform zurück, oder sind sie nicht, vielmehr 
von einem zu jener Zeit eben allgemein verbreiteten Schlagwort inspiriert, 
wie es ja auch Hunderte von Zeichnungen über das «On ne s’en fait pas!», 
das «Debout les morts!» oder das «On les aura!» gab? 
Diesem Einwand ist ein Dreifaches gegenüberzuhalten: Der Wirkungs¬ 
beweis für die Zeichnung «Pourvu qu’ils tiennent» ist bereits geführt, wenn 
nur ein einziges späteres Tendenzbild sie nachweisbar als Verständ¬ 
nisgrundlage für einen neuen komischen Effekt benutzt, der ohne diese 
Grundlage undenkbar wäre. Daß es Abwandlungen gibt, die einwandfrei 
auf Forains Urform zurückgehen, beweisen zum mindesten jene späteren 
Bilder, die eine Widmung ihres Urhebers an Forain 
tragen 346. Aber auch wenn dies alles nicht der Fall wäre und sämtliche 
von uns sogenannten „Abwandlungsbilder“ keineswegs Abwandlungen der 
Zeichnung Forains wären, sondern vielmehr auf einen in der Kriegszeit 
wie andere Schlagwörter sozusagen „in der Fuftcc liegenden, einpräg¬ 
samen Satz zurückgingen, selbst dann wäre — wenn auch nur mittel¬ 
bar — die Wirkungsmacht der OPINION-Zeichnung erwiesen. Denn 
dann hätte Forains Zeichnung immerhin die prägnante Formulierung 
(Pourvu qu’ils tiennent!) des allgemeinen Bewußtseinsinhalts (Die Heimat 
muß durchhalten!) zum Allgemeingut werden lassen und so die Zwischen¬ 
schicht zwischen Urform und Abwandlungsbildern geschaffen, was eben¬ 
falls ihre propagandistische Wirkung als Tendenzbild hinreichend kenn¬ 
zeichnen würde. 
Damit dürfte die Hinfälligkeit des oben genannten Einwandes er¬ 
wiesen und die Stichhaltigkeit der von uns angewandten Methode des 
Wirkungsnachweises bestätigt sein. 
B. Ausmaß der erfolgten Wirkung. 
Nichts vermag vielleicht die Wirkung der französischen Bildpropa¬ 
ganda in ihrer Gesamtheit eindeutiger zu kennzeichnen als der Wider¬ 
hall, den sie im Schrifttum des von ihr in erster Linie betroffenen Volkes: 
in Deutschland, fand. Als Antwort auf die seit Ende 1914 anschwellende 
und später immer mehr steigende Welle der Hetze und der Verleumdung 
durch das Zerrbild erschienen bei uns eine Reihe von Gegenpublikationen, 
die mit der Methode des Niedrigerhängens arbeiteten 347 Haß- und 
Greuelbilder wurden als seelische Reflexe des französischen Volkes ge¬ 
wertet, das man ob seines darin geoffenbarten moralischen Tiefstands zu 
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