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Ja, diese geistlichen Volksschauspiele reichten trotz dem jose¬
finischen Kehrbesen bis ins 19. Jahrhundert hinein.1)
Da sich das Passionsspiel in Bayern seit jeher besonderer Pflege
zu erfreuen hatte, müßte es uns wundern, wenn nicht auch im Inn-
viertel Spuren dieser Kunstübung sich fänden.
In der Tat haben sich auch hier einige Spielhandschriften
erhalten, von denen ich nur die Uttendorfer2) „Kreuztragung
Christi“ von 1732 erwähne, dessen Vorspiel an das alte Ober-
ammergauer Textbuch erinnert.
In diesem Vorspiele beschließen auf Anstiften der Welt der
Zorn und der Neid, den Heiland zu verderben. Ein Genius spricht
hierauf den Prologus, der mit der Einladung schließt:
Die Tragoedi zu beschauen,
Khommet unverweilt herbey!
Da secht, wie der Welt zu trauen
Und wie sie so treulos sey.
Khömb, o Seell, dan aus den Scenen
Gnuegsamb wirst du heut erkhenen,
Was für Schwizen diser Stamb
Khostet deinen Breutigamb.
Der Passion selbst umfaßt folgende Szenen:
1. Die hoche Priester halten Rath und nachdem sie ihnen Jesum
vorstöllen lassen, schließen die schmerzliche Creuztragung.
2. Die schmerzhaffte Muetter claget dem Echo ihr Eilend, wird
von Engel Gabriel, der die Stimb des Echo an sich genommen,
die Creuztragung geoffenbaret.
3. Zorn und Neid zimmern Christo das schwere Creuz, wie auch
der Zimmerman.
4. Pilatus, voller Reu wegen des gefohlten Urthel, will der Creuz¬
tragung nit consentiren, wird von den Hohenpriestern gestörkht,
gibt lestlich auch sein Consens.
Jahre 1757 in der Stiftsbibliothek. Beide Stücke wurden von der Bosenkranz¬
bruderschaft zur Aufführung gebracht.
*) Das Linzer Diözesanarchiv verwahrt z. B. ein umfangreiches „Schauspiel
über die Geburt Jesu Christi“ aus dem Jahre 1806, welches den ganzen Weih¬
nachtszyklus behandelt und aus der Gegend um Kremsmünster stammen soll
(Aus Lamprechts Nachlaß).
2) Diese Uttendorfer Kreuztragung wird jetzt im Diözesanarchiv zu Linz
verwahrt.
Laut Vermerk auf F. 51a schrieb das Stück Barthol. Mairhauser, Bürger
und Maler in Uttendorf. ab. Verschiedene Bühnenanweisungen und ein Spieler¬
verzeichnis zeigen, daß das Spiel tatsächlich aufgeführt worden ist.