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folglich Geschmack und Bildung bey dem Publikum voraussetzet, welches den
Werth desselben zu fassen vermag. Wenn wir nun sagen, daß unsre Linzer
das Spiel des Hrn. Prothke und der Elisabeth Aichinger lobten, dagegen von
der Meisterarbeit unsers grossen Borchers, der den Baron Harrwitz spielte, mit
solcher Gewalt hingerissen wurde: daß es nach dem Stück nicht ehe zu klatschen
und Hrn. Borchers vorzuruffen aufhörte, bis er hierüber entzückt vor dem
Publickum erschienen und als bescheidner Künstler für diese Ehre dankte, so
haben wir gewiß erwiesen, daß Geschmack und Bildung in Linz Riesenschritte
machet, denn der Name Borchers bürgt aller Welt zur Genüge, daß nicht
Frazengesichter statt Minne, unnatürliche eckelhafte Zuckungen statt Gebehrden-
spiel, unieidentliches Geprüll statt Ausbruch der Leidenschaften u. s. w. sondern
Schönheit, Wahrheit, ächte nakende Natur in KuDSt aufgelöst diesen seltenen
Vorfall bewirkten, der Linz ebenso rühmlich ist, als er Hrn. Borchers schmeichel¬
haft sein muß.
Das war ja alles recht schön gesagt, allein die Stunde des
Scheidens nahte. Graf Rosenberg gab das Theater an Lasser ab
und löste die Kontrakte.
Noch einmal hatte Borchers ein volles Haus und rauschenden
Beifall, dann verließ der größte Schauspieler, den Linz im 18. Jahr¬
hundert gesehen, die Stadt.
Cremeri rief ihm in der „Linzer Zeitung“ nach:
Melpomen’ns Seele flieht, Thaliens Liebling reist;
Verdienstekenner weint: die Bühne ist — verwaist.
Zu Ostern des Jahres 1786 begann die Direktion Lasser.
Zur Eröffnung ward Cremeris Nationalstück „Losenstein und
Hohenberg“ gewählt. Die Geschäfte gingen schlecht. Den Grund
dafür gibt uns der Verfasser der „Skizze von Linz“ (1787) an:
„Es hält schwer, eine stehende Truppe in Linz aufrecht zu erhalten —
die Einnahmen sind gering, das Volk ist veränderlich; starke Gagen
kann ein Prinzipal nicht bezahlen; folglich auch keine sehr guten
Schauspieler halten, denn die wollen auch sehr gut bezahlt sein.
Sind die Spieler mittelmäßig, so ist das Publikum unzufrieden und
das Theater leer. Was also zu tun? Es ist nur zu bewundern, wie
sich Herr Lasser noch erhalten und seine Gesellschaft bezahlen
kann. Das Einzige, was ihn noch erhalten, was ihm noch Leute
ins Theater locken kann, ist, wenn er alle Woche eine recht gute
Oper — ein heroisches Schauspiel, ein neues intriguantes und zur
Erschütterung des Zwerchfells eingerichtetes Lustspiel — auch zu¬
weilen ein auffallendes Trauerspiel ä la Schüler, in welchem hübsch
gemordet wird, gibt — dies alles verschafft ihm noch einigermaßen
Zuschauer. — Gibt er aber ein Stück zum drittenmal und zwar
in einigen Wochen kurz hintereinander; gibt er ein rührendes Lust-
oder Trauerspiel, in welchem bloß Nahrung fürs empfindsame Herz