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eine durch seinen Theismus nothwendig geforderte Unterscheidung,
wie dieser Theismus selbst geboten ist durch die Monadenlehre.
Wir wollen den bezeichneten Unterschied genau feststellen. Wider
vernünftig ist, was der Vernunft als solcher widerspricht. Ueber-
vernünstig ist, was die beschränkte (menschliche) Vernunft über
steigt. Die Vernunft als solche besteht in absoluten Wahrheiten,
die beschränkte Vernunft in relativen. Absolute Wahrheiten gel
ten unbedingt, relative dagegen bedingt. Die einen sind immer
wahr, die andern nur unter gewissen Umständen; jene können
nie anders sein, die Bedingungen mögen sein, welche sie wollen;
die andern können auch anders sein, wenn die Bedingungen an
dere sind, unter denen sie stattfinden. Von jenen ist das Gegen
theil nie möglich, sie sind daher unbedingt nothwendig; von die
sen ist auch das Gegentheil denkbar, sie sind daher nur in einge
schränkter , bedingter Weise nothwendig. Die unbedingte Noth
wendigkeit gilt von allen Vernunftwahrheiten, die auf dem Satze
der Identität beruhen und so sicher stehen, als der Satz A — A.
Die bedingte Nothwendigkeit gilt von allen Erfahrungswahrhei
ten, die auf dem Satze des zureichenden Grundes beruhen und
deßhalb nur eine relative und unvollständige Gültigkeit haben,
weil die Gründe einer Thatsache niemals ganz erschöpft werden
können. Die Nothwendigkeit der Vernunftwahrheiten ist die
metaphysische (logische, geometrische). Die Nothwendigkeit der
Erfahrungswahrheiten ist die physikalische. Der Sinn der leib-
nizischen Unterscheidung wird daher am besten so gefaßt werden:
widervernünftig ist, was den Vernunftwahrheiten und deren meta
physischer (logischer, geometrischer) Nothwendigkeit widerspricht;
übervernünftig dagegen, was über die Erfahrungswahrheiten und
deren physikalische Nothwendigkeit hinausgeht. Offenbar kann
etwas den Gesichtskreis der menschlichen Erfahrung übersteigen,