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als jeden strengen und folgerichtigen Zusammenhang zwischen dem
leibnizischen System und seiner Theologie bestreiten. Schon zu
den Zeiten des Philosophen wollten Einige die Theodicee für ein
bloßes Kunststück halten, womit es Leibniz nicht wirklich Ernst
gewesen sei; und selbst Lessing, der den Zusammenhang zwischen
den Principien der Monadologie und der Theodicee genau begriff
und auf das Bündigste gerade in den bedenklichsten Punkten nach
wies , konnte die Urtheile der Nachwelt nicht so weit berichtigen,
daß man sich in dieser Rücksicht über Leibniz, ich will nicht sagen
richtiger, sondern nur bedächtiger ausdrückte. Man fährt noch
heute fort, Leibnizens Theologie für ein Machwerk zu halte»,
welches seinem philosophischen Systeme nicht angemessen sei und
demselben besser niemals hinzugefügt worden wäre. Worin sucht
oder findet man aber diese augenfällige Schwäche, die den Philo
sophen der Principlosigkeit schuldig macht, einer Principlosigkeit,
die man auf die Rechnung seines Verstandes oder gar, wie Man
che wollen, auf die einer zweideutigen Absicht setzen müßte? In
dem Systeme der natürlichen Theologie als solchem? Dieses Sy
stem war das unserer gesammten Aufklärung, auch das Lesstngs.
Oder nur in dem Vermittlungsversuche, den Leibniz gegenüber der
kirchlichen Theologie damit anstellte? Diese harmonistische Ab
sicht lag in der Neigung seines Systems, und diese Neigung
war in dem Geiste seines ganzen Zeitalters begründet, wel
ches die Versöhnung oder wenigstens das Gleichgewicht der religiö
sen Gegensätze anstrebte. Damit würden freilich die Vorwürfe,
die auf Leibniz zielen, nicht gehoben, sondern nur erweitert und auf
das ganze Zeitalter ausgedehnt sein; es wäre damit nur bewiesen,
daß die Schwäche der leibnizischen Theologie nicht eine persön
liche Schwäche war, sondern eine Art Schicksal, dem dieser Phi
losoph mit vielen Andern unterlag.