Full text: Von Dante zu d'Annunzio

Aber nicht blos? das Genie, sondern ein jeder Menjch, der etwas 
Rechtes (ein und etwas Hechtes leisten will, mutz den Mut zur 6in- 
(eitigkeit, zur Be(d)ränktbeit, zur Unduldsamkeit besitzen. Diese drei 
(o viel verlästerten Eigenschaften sind, bei Licht besetzen, die ßrund-- 
lagen und Uoranssetzungen jeder starken Kultur. Ginfeitigkeit ist nichts 
anderes als Persönlichkeit. Beschränktheit ist nur eine getzässige Be- 
zeichnung kür Stil. Und „Unduldsamkeit" ? Die ist die Ulurzel und 
der Kern alles Glaubens, aller Sittlichkeit. Ulenn ich an irgendeine 
Zache im Ciefften und Innersten glaube, wenn dieser Glaube mich 
ganz erfüllt und alle meine Lebensregungen durchdringt, so ist die 
natürliche Ergänzung dazu der Hatz, die Feindschaft, der erbitterte 
Kampf gegen alles, was anders ist als der Inhalt dieses meines 
Glaubens, was itzm entgegengesetzt, mit itzm unvereinbar, sein Gegen¬ 
part ist. Ich kann nicht tief und aufrichtig an Gott glauben und zu¬ 
gleich die Atheisten „gelten lassen"; ich kann nicht von der Macht 
der Ideale in dieser Ulelt innerlichst überzeugt sein und dabei finden, 
datz der Materialismus „in seiner Art" auch berechtigt ist. Dein, son¬ 
dern dann mutz jeder, der Gott leugnet, für mich der leibhaftige In¬ 
begriff alles Schlechten, Hassenswerten und feindseligen (ein und der 
Materialismus Götzendienst und Leufelslehre. Daher waren die reli¬ 
giösesten und sittlichsten Menschen auch immer die unduldsamsten. 
Schließlich geschieht alles «pro domo», wie man abfällig zu 
sagen pflegt. Melcher normale Mensch lebt und spricht denn nicht 
»pro domo»? Alles, was einer sagt oder nicht sagt, was einer tut 
oder unterläßt, ist eine mehr oder minder eindrucksvolle oratio pro 
domo, und je leidenschaftlicher und rechthaberischer sie ist, desto mehr 
Ulert hat sie. Alles ist eine „persönliche Angelegenheit“, mein Mittag¬ 
essen so gut wie meine lüeltanfchauung, und die Genies unterscheiden 
sich vielleicht nur dadurch von den übrigen Menschen, daß sie es ver¬ 
stehen, die sogenannten „unpersönlichen" Probleme zu höchst persön¬ 
lichen, privaten Angelegenheiten zu machen. Sie ergreifen Partei, immer 
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