Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Das französische Zentrum und die englische Kolonie 
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ganz verschließenden Herrschers Zuflucht suchen könnten. Wir wol 
len fortziehen, um nie wieder zurückzukehren, und unsere Häuser 
und Habe hier im Stiche lassen. Wie könnte auch der König uns un 
glücklichen Juden Liebe oder Schonung entgegenbringen, da wir in 
die von ihm beschützte althergebrachte englische Lebensordnung wie 
ein Fremdkörper ragen? Hat er doch sein eigenes Volk, seine eigenen 
Kaufleute — ich will nicht gerade sagen, daß sie Wucherer sind, 
doch verstehen sie es wohl, durch übermäßigen Gewinn große Geld 
mengen anzuhäufen. Möge nun der König auf sie rechnen und von 
ihnen seine Einkünfte beziehen. Denn sie sind es, die uns das Leben 
verleiden und uns an den Bettelstab bringen. Dem König kann es 
nicht unbekannt sein, daß er von uns etwas verlangt, was wir beim 
besten Willen nicht zu leisten vermögen, auch wenn er uns die Augen 
ausstechen, die Kehle durchschneiden und die Haut abschinden lassen 
wollte“. Als Graf Richard, der mehr als die anderen seines Ranges 
den Juden gewogen war, die Rede vernahm, gab er zur Antwort, daß 
der König die Auswanderung seiner jüdischen Untertanen keinesfalls 
genehmigen könne und daß sie ihnen auch nicht viel nützen würde, 
da weder Frankreich, dessen König (Ludwig der Heilige) vor kurzem 
ein Dekret gegen die Juden erlassen habe, noch auch irgendein an 
derer christlicher Staat sie aufnehmen würde. Der König wäre in 
dessen bereit, sich mit der Summe zu begnügen, die die Juden im 
Augenblick aufzubringen imstande w^ren. — Allein schon im nächst 
folgenden Jahre trat Heinrich III. an sie erneut mit der Forderung 
einer ungeheuren Geldsumme heran und erwiderte auf ihre aber 
malige Beschwerde, daß er es satt habe, sich mit „seinen unnützen 
Juden“ immer wieder abzugeben und daher beschlossen habe, sie auf 
eine bestimmte Dauer für die Summe von 5ooo Pfund seinem Bru 
der Richard zu „verkaufen“, dem fortan die Besteuerung und die Be 
vormundung der Juden zustehen werde (i2Ö5). Der christliche Chro 
nist glaubt dazu bemerken zu müssen, daß „der König die Juden ge 
schunden und ihre Ausweidung dem Grafen überlassen habe“ („quos 
rex excoriaverat comes evisceraret“); in Wirklichkeit war aber der 
Wechsel in der Vormundschaft für die Juden von Vorteil: als Steuer 
pächter war Richard bei weitem nicht so erbarmungslos wie sein un 
ersättlicher Bruder. 
Indessen war die Frist der „Pachtung“ bald verstrichen und die 
Juden sahen sich von neuem in der Gewalt des Königs. Damit setzte
	        

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