Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 7. Die Not der englischen Jaden unter Heinrich III. 
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neuem in Kraft gesetzt; es erging die Verfügung, die jüdische Be 
völkerung während des geplanten Kreuzzuges vor den Ausschreitungen 
der Menge in Schutz zu nehmen (1217). Damit jedoch bei Überfällen 
nicht die Unkenntnis der Schutz Vorschrift als Entschuldigungsgrund 
vorgeschützt werden könnte, wurde den Juden zur Pflicht gemacht, 
auf ihrem Gewände ein auffälliges, aus zwei Streifen weißen Linnens 
oder Pergaments bestehendes Merkzeichen zu tragen (1218). Nun ent 
sprach das Kainszeichen ganz dem Sinne des Bibelwortes: „Ein Zei 
chen . . daß ihn niemand erschlüge, der ihn fände“. Mittlerweile 
trieben die Spitzen der englischen Kirche ihre Politik im Geiste Inno- 
cenz’ ui. weiter. Die Kreatur dieses Papstes, der Erzbischof von Can- 
terbury, Langton, berief im Jahre 1222 ein Konzil nach Oxford, das 
alle die Juden demütigenden Beschlüsse der Lateransynode bestätigte 
und ihnen noch manches andere von sich aus hinzufügte. So sollten 
die Juden als Sonderzeichen einen vier Finger langen und zwei Finger 
breiten Wollstreifen auf ihrem Obergewand an der Brust tragen; die 
Errichtung neuer Synagogen wurde unter Verbot gestellt, und auch 
die Vorschrift über die unnachsichtige Erhebung des Kirchenzehnten 
von den jüdischen Immobilien fand nachdrückliche Bestätigung. In 
Gemeinschaft mit den Bischöfen von Lincoln und Norwich machte 
der Erzbischof von Canterbury auch noch den Versuch, die mit Juden 
in Geschäftsbeziehungen tretenden Christen mit dem Kirchenbann zu 
bedrohen, doch beeilte sich der König diese für den Staatsschatz 
äußerst nachteilige Maßnahme rückgängig zu machen. Nur in einer 
Hinsicht gab er der Geistlichkeit nach: im Jahre 1282 wurde mit 
seiner Genehmigung ein Asyl für zum Christentum bekehrte Juden 
(domus conversorum) begründet, eine Einrichtung, die sich mit dem 
Fang jüdischer Seelen zu befassen hatte. Dem Wunsche der christ 
lichen Bevölkerung Londons entgegenkommend, beschlagnahmte der 
König überdies die neu erbaute prächtige Synagoge, um sie in eine 
Kirche der Mutter Gottes umzuwandeln. Die Juden aber sahen sich 
gezwungen, infolge der Mißgunst der Londoner Christen, denen eine 
neben der Kirche ragende Synagoge ein Dorn im Auge war, ihre An 
dacht in unauffälligen Schlupfwinkeln zu verrichten. 
Je älter Heinrich III. wurde und je mehr er sich um die Staats 
geschäfte kümmerte, um so mehr wuchsen auch seine finanziellen 
Gelüste. Die Höhe der den Juden auferlegten Sondersteuer (tallages) 
wurde mit größter Willkür festgesetzt: im Jahre 1226 betrug sie
	        

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