Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Das französische Zentrum und die englische Kolonie 
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tere den Beweis für die Unrechtmäßigkeit der Zinsforderung zu er 
bringen hatte, wobei Juden wie Christen in gleicher Zahl vor Gericht 
als Zeugen vernommen werden mußten. Zugleich forderte der König 
alle getreuen Untertanen auf, die Juden in Schutz zu nehmen, und 
stellte für die Verletzung ihrer Rechte Strafen in Aussicht. Diese 
Charte kostete die Juden 4ooo Mark. Zu Beginn seiner Regierung 
setzte sich König Johann auch in der Tat für seine jüdischen Unter 
tanen kraftvoll ein. Als in London der Versuch einer Judenhetze, ge 
macht wurde, hielt der König den Mayors und Baronen vor, daß sie 
den den Juden verheißenen Frieden nicht hielten und machte sie für 
jede weitere Störung der öffentlichen Ordnung persönlich verantwort 
lich. Gleich nach seiner Thronbesteigung ernannte Johann einen der 
jüdischen Notabein, Jakob aus London, zum leitenden „Presbyter der 
Juden“ („presbyter judaeorum“) und verlieh ihm einen Schutzbrief, 
in dem er ihn „unseren Geliebten und uns Nahestehenden (dilectus et 
familiaris noster)“ nannte. Wie aus der Wirksamkeit der nachmaligen 
Träger dieses Titels zu ersehen ist, lag dem Presbyter weniger die 
geistliche Repräsentation als die finanzielle Vermittlung zwischen dem 
König und den jüdischen Gemeinden zwecks wirksamerer Eintreibung 
der Staatssteuern ob. | 
Dank der königlichen Protektion vermochten sich die Juden von 
den schweren Heimsuchungen des jüngsten Kreuzzuges zu erholen und 
sich von neuem zu einem gewissen Wohlstand emporzuarbeiten. Jetzt 
erst sollte aber das heimtückische Wesen des Königs in aller Unzwei 
deutigkeit zutage treten. Als er nämlich gewahr wurde, daß manche 
Juden durch Handelsgeschäfte große Reichtümer erworben haften, 
machte er sich daran, ihnen durch Freiheitsberaubung, Einkerkerung 
und Tortur ihr Geld abzupressen. Die große Geldnot, in der er sich 
nach dem Verlust der Normandie befand, bewog ihn neben den kirch 
lichen Institutionen (es war dies gera,de zu der Zeit, als sein Kampf 
mit Innocenz III. seinen Höhepunkt erreicht hatte) auch die Juden 
zu brandschatzen. Im Jahre 1210 forderte er den jüdischen Gemein 
den die ungeheure Summe von 66 000 Mark ab. Allein von dem 
reichen Abraham aus Bristol verlangte er 10 000 Silbermark; da jener 
indessen soviel Geld nicht hergeben wollte oder nicht aufbringen 
konnte, ließ ihm der König, um die Erfüllung der Forderung zu er 
zwingen, täglich je einen Zahn ausreißen. Nachdem der Unglück 
selige auf diese Weise sieben Zähne eingebüßt hatte, fügte er sich
	        

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