Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 5. Die Vertreibung aus Frankreich (1306) 
men, um sich dann von ihm wieder loszusagen. Im Jahre 1273 be 
stimmte der Papst Gregor X., daß solche von der Kirche Abgefallene 
mitsamt ihren Helfershelfern gleich den Ketzern dem Inquisitionsge 
richt verfallen sollten. Im nächstfolgenden Jahre wurde in der Pro 
vence der Mönch Bertrand Delaroche zum „Inquisitor gegen die Ketzer 
und die judaisierenden Christen“ eingesetzt. Im Jahre 1277 fragten 
die französischen Ketzerrichter bei dem Papst Nikolaus III. an, was 
mit den vom Christentum abgefallenen jüdischen Täuflingen zu ge 
schehen habe, die, bereits ein ganzes Jahr eingekerkert, doch nicht 
dazu zu bewegen seien, in den Schoß der Kirche zurückzukehren. Der 
Papst gab zur Antwort, daß man mit den Starrköpfen wie mit unbo- 
lehrbaren Ketzern zu verfahren und sie der weltlichen Gewalt z,ur 
Verbrennung auf dem Scheiterhaufen zu übergeben habe. Auf Grund 
dieser Anweisung wurde in Toulouse der Rabbiner Isaak Males dem 
Feuertode preisgegeben, weil er einen auf dem Sterbelager reuig ge 
wordenen Täufling in die Glaubensgemeinschaft der Väter wieder auf 
nahm und ihn auf dem jüdischen Friedhof beisetzen ließ. Philipp III. 
horchte aber voller Eifer auf die Stimme der Kirchenkonzile, auf de 
nen damals die päpstlichen Inquisitionsagenten das große Wort führ 
ten, und zögerte nicht, ihre Bestimmungen in königliche „Ordonnan 
zen“ umzusetzen. Nachdem das Konzil von Bourges (1276) eine neue 
Ausnahmebestimmung gegen die Juden ausgeheckt hatte, derzufolge 
sie sich nur in Städten und größeren Ortschaften, nicht aber auf dem 
Lande aufhalten durften, damit sie nämlich die einfältigen Landbe 
wohner nicht vom rechten Glauben abbrächten, wurde einige Jahre 
später (i283) dieser Kanon auch in Form eines königlichen Erlasses 
promulgiert. In diesem Erlaß wurde es den Herzogen, Grafen, Ba 
ronen sowie den Bailli’s und sonstigen Beamten zur Pflicht gemacht, 
„die Juden zum Aufenthalt in den großen Städten, die gewöhnlich 
ihren Wohnsitz bilden, zu zwingen“. Zugleich befahl der König, dar 
auf zu achten, daß sie keine neuen Synagogen erbauen und keine Ab 
schriften der in Paris als anstößig und vernichtungswürdig befunde 
nen Talmudbücher in ihren Häusern aufbewahren. 
Ein anderes System der Judenbedrückung bürgerte sich unter Phi 
lipp dem Schönen (1285—i3i4) ein. Dieser König, der es in seinem 
Kampfe gegen das Papsttum bis zu einer Mißhandlung des Papstes 
Bonifazius VIII. gebracht hatte, gab sich alle Mühe, der Inquisition 
Zügel anzulegen und der Einmischung der Geistlichkeit in die Staats- 
4 Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Bd. V 
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