Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Das französische Zentrum und die englische Kolonie 
Abendmahlbrotes, ein jüdisches Ehepaar auf dem Scheiterhaufen ver 
brannt. Im Volke kam die unsinnige Mär in Umlauf, aus der durch 
stochenen Hostie hätte sich ein Blutstrom ergossen, das Blut des sich 
im Kirchenbrote in mystischer Weise verkörpernden Leibes Christi. 
Das „Wunder“ wurde in Balladen verherrlicht und sein Schauplatz, 
die Kirche in der Rue de Billettes, lockte viele Wallfahrer mit reichen 
Weihgaben herbei. Zu diesem Ziele wird wohl auch der ganze jü 
dische Prozeß inszeniert worden sein. Zwei Juden mußten aber um 
des Ruhmes des eucharistischen Dogmas willen ihr Leben auf dem 
Scheiterhaufen lassen. 
§ 5. Philipp der Schöne und die Vertreihung im Jahre 1306 
Im Gegensatz zu dem frommen Ludwig IX. und dem gottlosen 
Philipp dem Schönen, die einen aktiven Judenhaß an den Tag legten, 
stand der in der Zwischenzeit regierende Philipp III. der Kühne 
(1270—85) den Juden durchaus gleichgültig gegenüber. Die Persön 
lichkeit des Königs spielte bei den unter ihm gegen die Juden ergrif 
fenen Maßnahmen keine Rolle: die königliche Gewalt begnügte sich 
damit, unter die Verordnungen der Kirchenbehörden, die in diesem 
Zeitraum die judenfeindlichen Kanons mit besonderem Erfolg durch 
zuführen vermochten, nur ihr Siegel zu setzen. So erneuerte Phi 
lipp III. im Jahre 1271, auf die Forderung des Klerus hin, das De 
kret Ludwigs des Heiligen über die Stigmatisierung der Juden durch 
rundförmige Sonderzeichen und gemahnte einige Jahre später an die 
Befolgung der Kirchenkanons, die den Juden die Anstellung christli 
cher Ammen, den Verkauf von Fleisch an Christen sowie das gemein 
same Baden mit diesen u. dgl. m. untersagten. Mit dem Segen der römi 
schen Päpste entfaltete um jene Zeit der Dominikanerorden und das 
geistliche Inquisitionsgericht auf französischem Boden eine überaus 
intensive Tätigkeit, die sich auch den Juden in immer steigenderem 
Maße fühlbar zu machen begann. Schon im Jahre 1267 erließ der 
Papst Clemens IV. eine Bulle („Turbato corde“), in der er den Ketzer 
richtern aus der „geliebten Bruderschaft des Prediger- und Minoriten- 
ordens“ den Befehl erteilte, nicht nur die zum Judentum verführten 
Christen, sondern auch ihre Verführer, die Juden, nach Kräften zu 
verfolgen. Als „verführte Christen“ galten aber gewöhnlich jene ge 
tauften Juden, die in ihrer Not zum Scheine das Christentum annah
	        

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