Volltext: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Das französische Zentrum und die englische Kolonie 
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Juden gelang es, wie schon so oft, sich auch von den neuen Be 
drückungsmaßnahmen loszukaufen. Auch diesmal konnten sie sich 
für einen bestimmten Tribut den Beistand der weltlichen Macht 
sichern. Das Talmudstudium auf den Rabbinerschulen Frankreichs 
war allerdings für einige Zeit lahmgelegt, da viele Rabbiner und Ge 
lehrte das Land inzwischen verlassen hatten. Unter den Auswanderern 
befand sich auch der bei der Pariser Disputation hervorgetretene R. 
Jechiel, der nach Palästina übersiedelte (1259). 
Die die jüdischen Bücher dem Feuer preisgebende dominikanische 
Inquisition ließ zuweilen auch die Juden selbst in den Flammen um 
kommen. Ein erschütternder Vorfall ereignete sich im Jahre 1288 in 
der Stadt Troyes, der Heimatstadt des Raschi und der Wiege des Tal 
mudstudiums in Frankreich. Am Karfreitag, den 26. März, der mit 
dem vorletzten Tage des jüdischen Passah zusammenfiel, brach der 
wohl durch die Passionspredigten aufgestachelte christliche Mob in 
das Haus des reichen und gelehrten Juden Isaak Chatelin ein in der 
Absicht, „den Tod des Erlösers zu rächen“. Wie aus Andeutungen in 
den anläßlich der Katastrophe verfaßten Elegien zu entnehmen ist, 
hatten Hetzer in heimtückischer Weise die Leiche eines Christen im 
Hause des Chatelin versteckt, um sodann die erregte Menge zur Auf 
deckung des „jüdischen Verbrechens“ dorthin zu führen. Das Haus 
wurde bis auf die Mauern ausgeplündert, während sein Eigentümer 
mitsamt seiner ganzen Familie und noch acht Gemeindemitgliedern 
verhaftet und der dominikanischen Inquisition überliefert wurde. Das 
Inquisitionsgericht bezichtigte die Juden des Ritualmordes und ver 
urteilte dreizehn von ihnen zum Feuertode. Die Richter erklärten sich 
allerdings bereit, denen, die die Taufe annehmen würden, das Leben 
zu schenken, doch wiesen die Juden dieses Ansinnen ohne Zaudern 
zurück. So wurde denn am 2 4- April die öffentliche Hinrichtung voll 
zogen. Das erschütternde Martyrium ist in vier zeitgenössischen Ele 
gien verewigt, von denen drei in hebräischer Sprache abgefaßt sind, 
während die vierte in altfranzösischer Mundart, jedoch gleichfalls 
in hebräischer Schrift festgehalten ist. Als erste bestiegen den Schei 
terhaufen Isaak Chatelin und seine Familie: seine schwangere Frau, 
zwei Söhne und eine Schwiegertochter. Die Hände auf dem Rücken 
gefesselt und laut Psalmen singend, gingen sie in den Tod. Schon 
wird Isaak ins Feuer geworfen, „so reich an Gütern, der ruhmreiche 
Schöpfer von Tossafoth und ein Meister der Bibelauslegung“. Bei die
	        

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