Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Italien zur Zeit der Frührenaissance 
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Neapel, zusammen, dessen besondere Gunst er gewann. Auf Anregung 
des königlichen Mäzens begab er sich in einer wissenschaftlichen Mis 
sion nach Rom, um dort bald zum Mittelpunkt der gebildeten Welt 
zu werden. Man schätzte Kalonymos namentlich als Kenner des ara 
bischen wissenschaftlichen und philosophischen Schrifttums und als 
Übersetzer vieler Werke dieser Literatur ins Hebräische. Er übertrug 
nämlich etwa dreißig Schriften aus dem Arabischen, darunter die des 
Averroes, Alfarabi, Galen und Euklid. Außerdem übersetzte er ins 
Lateinische das Werk des Averroes „Umsturz des Umsturzes“ (De- 
structio destructionis), das eine Entgegnung auf das berühmte Buch 
des Al-Ghazali „Umsturz der Philosophen“ darstellte. Kalonymos be 
schränkte sich indessen nicht allein auf Übersetzungen, sondern be 
währte sich auch als ein selbständiger Schriftsteller von ausgesproche 
ner Eigenart. Eine reife Frucht seiner vielseitigen Lebenserfahrung 
war die Sittensatire „Der Prüfstein“ („Eben bochan“), in dem der 
Verfasser bald in ernsterem, bald in humorvollem Tone die Laster, 
die Abgeschmacktheiten und die Modetorheiten seiner Zeitgenossen 
geißelt. Besonders schlecht kommen dabei die reichen Heuchler weg, 
die ihre anrüchigen Taten durch Scheinheiligkeit zu verschleiern su 
chen, sowie die „mit ihrem Wissen Schacher treibenden“ Rabbiner. 
Hin und wieder bedenkt er mit seiner ätzenden Ironie auch den rab- 
binischen Judaismus selbst. Er bedauert es, nicht als Mädchen geboren 
zu sein, weil er dann der Befolgung vieler talmudischer Ge 
bote und Vorschriften enthoben wäre und sich auch nicht über die 
rabbinische Scheinweisheit den Kopf zerbrechen müßte. Ein anderes 
humoristisches Werk des Kalonymos, sein kleiner „Traktat über den 
Purim“ („Massecheth Purim“), parodiert in geistreicher Weise den 
Talmud. Mit scheinbarem akademischen Ernst, hinter dem sich unter 
drücktes Lachen verbirgt, wird hier die Frage erwogen, wie man sich 
am „Hamanfeste“ einen regelrechten Rausch antrinken solle. Die 
Grundvoraussetzungen für die Lösung dieser Frage werden in der 
Form von Mischnalehrsätzen dargelegt, während ihre Erörterung 
im verschnörkelten Stile der Gemarakasuistik gehalten ist und um 
so komischer wirken muß, je ulkiger das behandelte Problem ist. 
Diese auf den ersten Blick harmlos scheinende Parodie stellte mit 
großem Geschick die Schattenseiten des Talmudismus bloß, und so 
hatten die gestrengen Rabbiner der späteren Zeit ihre guten Gründe, 
den Verfasser für seinen Faschingsscherz scharf zu tadeln.
	        

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