Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 4. Religiöse Disputationen und Verbrennung des Talmud 
nichts als ein niedersausender Stock: euer Werkzeug ist das Schwert, 
euer Handwerk der blutige Krieg!“ 
Die Argumente der jüdischen Disputanten mußten die Christen in 
größte Verlegenheit bringen und riefen nicht selten auch ihre Em 
pörung hervor. Friedliche religiöse Unterredungen endeten damit, daß 
sich die Juden zu schärfsten Ausfällen hinreißen ließen, während die 
Gegenpartei mitunter auch vor Handgreiflichkeiten nicht zurück 
schreckte, wie z. B. in dem zitierten Falle, in dem der Ritter dem Rab 
biner seine Argumente mit dem Stock einzubleuen versuchte. Wie 
schon erwähnt, fanden solche Methoden der Beweisführung die volle 
Billigung Ludwigs des Heiligen, der überhaupt der Ansicht war, daß 
sich wohl gelehrte Theologen, nicht aber Laien in religiöse Ausein 
andersetzungen mit Juden einlassen dürften. Dabei ließ sich der Kö 
nig anscheinend von der Bulle des Papstes Gregor IX. vom Jahre 
1228 leiten, die den Christen jegliche Disputation mit Juden über 
religiöse Fragen aus dem Grunde untersagte, weil die einfältigen Ka 
tholiken dabei Gefahr liefen, in die Netze des Unglaubens verstrickt 
zu werden. Mittlerweile begann die katholische Geistlichkeit, die in 
ihren Privatdisputationen mit den Juden Niederlagen auf Niederlagen 
erlitt, nach dem Waffenlager zu forschen, dem die Feinde Christi ihr 
Rüstzeug entnahmen. Viele gelehrte Dominikanermönche waren des 
Hebräischen kundig und vermochten mit Beistand getaufter Juden aus 
der Mitte ihrer Ordensbrüder sogar den schwierigen Talmudtext zu 
bewältigen. In ihm glaubten nun die christlichen Spitzel, mit Hilfe 
der jüdischen Überläufer die Wurzeln der antichristlichen Ideen end 
gültig blößlegen zu können. So wurde denn dem Talmud der Prozeß 
gemacht 
Um seinen Kircheneifer zu bezeugen, überreichte nämlich der Do 
minikaner Nikolaus Donin, ein getaufter Jude aus La-Rochelle, im 
Jahre 1289 dem Schutzherrn der Inquisition, dem Papste Gregor IX., 
ein Denunziationsschreiben, in dem er die Behauptung aufstellte, daß 
der Talmud Christus und die Christen verletzende Ausdrücke enthalte 
und überhaupt unsittliche Lehren vertrete. Daraufhin trug der Papst 
den Bischöfen Spaniens, Frankreichs und Englands sowie den Domi- 
nikanerprioren in Paris auf, den Juden ihre Talmudbücher wegzuneh 
men und die Stichhaltigkeit der Angaben des Donin zu prüfen. Das 
Ermittlungsverfahren wurde zuerst in Paris in die Wege geleitet; man 
entzog den dortigen Juden alle Talmudexemplare und forderte die
	        

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