Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 60. Süditalien. Die Verlreibung aus Sizilien 
außer den von den Juden an den Staatsschatz entrichteten Steuern 
und Gebühren auch die von ihnen für ihren Unterhalt verbrauchte 
Summe, etwa eine Million Florin, dem Lande entzogen werden. Über-* 
dies müßten die von den Juden in ihren Handelsgeschäften mit Chri 
sten eingegangenen Verpflichtungen uneingelöst bleiben. Und noch 
andere Übel würden die unausbleibliche Folge der angeordneten Maß 
nahme sein: fast alle Handwerker in unserem Lande sind Juden; 
sollten sie nun alle zur festgesetzten Frist (binnen drei Monaten) 
Sizilien verlassen, so würden die Christen vieler Arbeitskräfte ver 
lustig gehen, die Metallgeschirr, Eisengeräte, so namentlich Hufeisen, 
Ackerbaugeräte und alles für den Schiffbau Unentbehrliche produ 
zieren. Es würde uns nicht so bald gelingen, sie durch Christen zu 
ersetzen; die wenigen aber, die aufzutreiben wären, würden einen un 
vergleichlich höheren Arbeitslohn verlangen. So würde denn die 
Durchführung des ergangenen Befehls den Mangel an den allernot 
wendigsten Bedarfsartikeln zur Folge haben. Besonders schwer würde 
sich aber das Fehlen der jüdischen Bevölkerung in jener Notlage be 
merkbar machen, die im Falle eines Überfalles von seiten der Türken 
eintreten müßte. Obschon die Juden im Kriegshandwerk nicht aus 
gebildet sind, verstehen sie sich doch sehr wohl auf die für den Krieg 
unentbehrlichen Hilfsarbeiten: auf Straßen- und Wegebau, Schanz 
arbeiten und Befestigung der Mauern. Schließlich ist nicht außer 
acht zu lassen, daß die Zahl der reichen Juden nur gering ist und 
daß es unter ihnen nicht einmal viel Leute mit leidlichem Auskom 
men gibt, daß vielmehr die große Masse völlig unbemittelt ist und 
daher im Falle einer forcierten Ausweisung unweigerlich dem Hun 
gertode preisgegeben wäre“. 
Ein ähnliches Protestschreiben wurde dem Vizekönig von der Stadt 
Palermo überreicht (n. Juli). Es hieß darin, daß die „glückliche 
Stadt Palermo“ völlig ruiniert werden würde, falls die mit der christ 
lichen Bevölkerung auf dem Gebiete des Handels und des Kredit 
geschäftes in engster Verbindung stehenden Juden die Stadt binnen 
drei Monaten, wie vorgeschrieben, verlassen müßten. Alle Warnungen 
blieben indessen ungehört. Die Vertreibung der Juden aus allen spa 
nischen Besitzungen galt Ferdinand und Isabella nach der Eroberung 
von Granada als die Erfüllung eines heiligen Gelübdes, und so konnte 
von der Aufhebung des Ediktes keine Rede sein. Der katholische 
Gott wollte nach der Meinung des Königspaares auf das Dankopfer, 
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