Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Italien zur Zeit der Frührenaissance 
dem Vizekönig zusammen mit einer ansehnlichen Spende für „das 
Unternehmen gegen Granada“ die von ihnen angenommenen Ent 
schließungen. Der König erteilte den Parlamentsbeschlüssen sein 
Placet, bestätigte die Vorrechte der jüdischen Gemeinden und ge 
lobte, sie vor den damals auf Sizilien sich häufenden Überfällen des 
Pöbels in Schutz nehmen zu wollen. Es war dies im Januar 1490, 
und schon zwei Jahre später sollte es der König selbst sein, der auf 
die gesamte jüdische Bevölkerung einen jähen Überfall unternahm. 
Das verhängnisvolle Dekret vom März 1492 über die Vertreibung 
der Juden aus Spanien und „seinen Besitzungen“ erstreckte sich näm 
lich auch auf Sizilien. Während jedoch in Spanien die jüdische wie 
die christliche Welt durch die vorhergehende Bewegung gegen die 
Marranen und durch das Wüten der Inquisition auf diesen Akt we 
nigstens vorbereitet war, schlug das Ausweisungsedikt in Sizilien 
gleich einem Blitze aus heiterem Himmel ein. Es bedeutete für das 
Land keine Kleinigkeit, sich einer so wichtigen wirtschaftlichen Kraft, 
wie es die hunderttausendköpfige jüdische Bevölkerung war, plötz 
lich beraubt zu sehen. Die christlichen Inselbewohner waren aufs 
schwerste beunruhigt. So wandte sich denn eine Abordnung der höch 
sten Staatsbeamten Siziliens an den Vizekönig mit der Bitte, Ferdi 
nand zur Aufhebung des Ediktes zu bewegen und, falls sich dies un 
möglich erweisen sollte, wenigstens den Aufschub der Ausweisung 
zu erwirken (20. Juni). „Wir erachten es als unsere Pflicht — so 
hieß es in der von ihnen überreichten Petition 1 ) —, dem König um 
des Staatswohles willen unverhohlen die Wahrheit zu sagen. Wenn 
die Ansicht, daß das Weilen der Juden in der Mitte der Christen den 
katholischen Glauben gefährde, zuträfe, so würden wir selbst als 
erste beim König nicht nur die Ausweisung der Juden, sondern so 
gar deren Verbrennung bei lebendigem Leibe anregen. Diese Behaup 
tung entspricht jedoch nicht der Wahrheit. Weit davon entfernt, die 
Christen zu ihrem Glauben verführen zu wollen, sind es vielmehr die 
Juden, die zuweilen zu unserem Glauben übertreten. Daneben wären 
auch die dem Staate durch die Vertreibung entstehenden unermeß 
lichen Verluste in Erwägung zu ziehen. Würde doch auf diese Weise 
!) Der Inhalt des weitläufigen, die soziale Stellung der Juden in Sizilien 
hell beleuchtenden Dokumentes ist hier mit bedeutenden Kürzungen wiederge 
geben. Das Schriftstück ist in extenso bei Lagumina, Godice etc. III, S. 45— 51, 
zu finden (s. Bibliographie). 
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