Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

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Das französische Zentrum und die englische Kolonie 
aus kein Blatt vor den Mund, und viele ihrer Äußerungen zeichnen 
sich durch Geist und Witz aus. Als einst R. Nathan die verfängliche 
Frage vorgelegt wurde, warum denn nach der Zerstörung des ersten 
Tempels das babylonische Exil nur siebzig Jahre gedauert hätte, wäh 
rend die Zerstreuung Israels nach der Zerstörung des zweiten Tem 
pels schon über tausend Jahre währe, ob nicht aus dem Grunde, weil 
die Juden Christus verleugneten, gab Nathan zur Antwort: „Zur Zeit 
des ersten Tempels bestand die Sünde des Volkes Israel einzig darin, 
daß es elende und vergängliche Götzenbilder anbetete, in der Zeit des 
zweiten Tempels aber brachte es Jesus und dessen Jünger hervor, die 
ihrer Religion in der ganzen Welt Geltung verschafften — für diese 
Sünde eben muß das jüdische Volk bis auf den heutigen Tag im Exil 
schmachten“. Ein anderes Mal fragte ihn ein Priester, warum in den 
jüdischen Synagogen kein Glockengeläut üblich sei. Da führte ihn 
R. Nathan auf den Markt, wo gleich am Eingang armselige Herings 
händler mit lauter Stimme ihre Ware jedem Vorübergehenden an 
priesen; als sie dann aber zu den Marktreihen kamen, wo bessere 
Fischsorten feilgeboten wurden, hörten sie keine Anpreisungen mehr. 
„Siehst du — sagte R. Nathan —, wer gute Ware anzubieten hat, 
kann sich das Anpreisen sparen, denn die Wäre spricht für sich 
selbst: darum eben können auch wir Juden das Glockengeläute ent 
behren“. „Warum hat das Mosesgesetz für diejenigen, die einen Leich 
nam berührt haben, strenge Isolierung vorgeschrieben?“ fragte einst 
der Kanzler der Pariser Universität den Sohn des Nathan Official. 
Dieser antwortete: „Weil Gott vorausgesehen hat, daß man dereinst 
Jesus gerade um des von ihm erlittenen Todes willen vergöttern werde; 
so hat denn Gott Gesetze gegeben, die daran gemahnen, daß die Be 
rührung eines Toten verunreinige“. Ein Priester fragte einmal: „War 
um hat sich Gott Moses gerade in einem Dornstrauch (dem unver 
brennbaren Busch) und nicht in einem anderen Baume offenbart?“ 
— „Aus dem Grunde,“ lautete die Antwort, „weil man aus einem 
Busch kein Kreuz zimmern kann“. Die jüdischen Opponenten schreck 
ten sogar vor der Verspottung des nationalen Hochmuts ihrer Wider 
sacher nicht zurück. Dem Hinweis darauf, daß die Knechtung der Ju 
den durch fremde Völker nicht ohne Gottes Willen geschehen sei, be 
gegnete Nathan mit den Worten: „Zwar tragt ihr kein fremdes Joch 
und kein Stock schlägt euch auf den Rücken, doch seid ihr selbst
	        

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