Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Das französische Zentrum und die englische Kolonie 
selten vorkomme. Die heikle Frage des jüdischen Wuchers erledigt 
der Disputant mit dem Hinweis darauf, daß die Thora den Juden aus 
drücklich untersagt hätte, an ihre Stammesgenossen Geld gegen Zin 
sen auszuleihen, und daß dies auch in der Tat so streng befolgt werde, 
daß sich der Jude sogar davor hüte, Getreide und dergleichen in Vor 
aussicht einer Preiserhöhung aufzuspeichern, da schon der Spekula 
tionsgewinn als Wucher gelte; allerdings beanspruchten sie Zinsen 
beim Geldausleihen an Fremdstämmige, aber auch die Christen ver 
führen in der gleichen Weise nicht nur mit den Juden, sondern sogar 
mit ihren Glaubensgenossen. Ihr sagt — so argumentiert der Jude 
weiter —, daß es unter euch heilige Männer gibt, die sich von allen 
irdischen Gütern losgesagt haben, indessen findet man unter Tausen 
den kaum einen mit solchem Lebenswandel, während die übrigen im 
Schmutze des Lebens versinken; sogar eure Priester und Bischöfe, die 
die Keuschheit gelobt haben, geben sich der Unzucht hin, was unter 
der jüdischen Geistlichkeit nie denkbar wäre. Noch größere Gewandt 
heit legt der Jude in dogmatischem Streit an den Tag. Hatte es denn 
— so ruft er aus — der allmächtige, unergründliche Weltschöpfer 
nötig, zur Erlösung der Welt von einem Weibe empfangen und ge 
boren zu werden, um dann zu sterben? Was bedeutet denn der Auf 
schrei Jesu am Kreuze: „Mein Gott, warum hast du mich ver 
lassen?“ Hat er denn sich selbst um Hilfe angefleht, da er doch selbst 
Gott ist? Wenn er wirklich zur Erlösung der Menschheit von der Erb 
sünde Adams und Evas auf die Welt gekommen ist, warum hat er 
dann viertausend Jahre lang auf sich warten lassen? Wäre er früher 
erschienen, so hätte er ja Hunderte von Generationen beglücken kön 
nen, indem er sie von den um der Sünde ihrer Ahnherren willen er 
littenen Höllenqualen erlöst hätte. Ihr behauptet, daß die Juden aus 
dem Grunde über die ganze Welt zerstreut und zu Leiden verdammt 
seien, weil ihre Vorfahren Christus der qualvollen Kreuzigung preis 
gegeben hätten; aber ihr seid ja des Glaubens, daß Jesus selbst auf 
diese Erde gekommen sei, um die Menschheit durch seine Qualen und 
seinen Tod zu erretten: so haben denn unsere Vorfahren nur in sei 
nem eigenen Geiste gehandelt oder er als Gott hat ihnen vielmehr 
selbst eine solche Handlungsweise eingegeben. Ist es denn gerecht, daß 
ihre Nachkommen um dieser Wohltat willen leiden? Der Dialog 
schließt mit den folgenden Worten: „Unsere Thora wird mit dem
	        

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