Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 58. Die römische Gemeinde 
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den aus den Ferdinand dem Katholischen Untertanen italienischen 
Ländern nach sich zog. 
Am unsichersten war die Lage der jüdischen Gemeinde in Rom 
in dem Zeitabschnitt, als die Päpste in das „babylonische Exil“ nach 
Avignon gezogen waren (i3o8—1878). Aber auch im ganzen übri 
gen Italien waren die Zustände um diese Zeit nichts weniger als ge 
ordnet und sicher. Es war dies jene Epoche der Frührenaissance, in 
der sich Freiheit und Tyrannei, Demokratie und Oligarchie, republi 
kanische Zucht und anarchische Zügellosigkeit miteinander paarten, 
eine Epoche, in der den Volkstribunen käufliche Condottieri gegen 
überstanden, in der neben Dante und Petrarca ein Cola di Rienzi und 
Malatesta wirkten. Nach Verlegung der päpstlichen Residenz nach 
Avignon wurde Rom eine lange Zeit zum Schauplatz erbitterter 
Kämpfe um die Macht, an denen sich Ghibellinen und Welfen, Partei 
gänger des deutschen Kaisers und die des Papstes, die Partei des. 
neapolitanischen Königs Robert von Anjou, die aristokratischen Ge 
schlechter Colonna und Orsini sowie die Vorkämpfer der bürgerlichen 
Demokratie beteiligten. Verworrenen Nachrichten jüdischer Chro 
niken zufolge soll im Jahre i32i, als die Juden in Frankreich unter 
der „Verleumdung durch die Aussätzigen“ zu leiden hatten, auch die 
römische Gemeinde in schwerer Gefahr geschwebt haben 1 ). Die Viel 
herrschaft in Rom spürte die dortige jüdische Gemeinde vor allem 
darin, daß sie an mehrere, zuweilen nur nominelle Gewalten Tribut 
entrichten mußte. Als sich der deutsche Kaiser Ludwig der Bayer in 
Rom krönen ließ und der Stadt aus diesem Anlaß eine außerordent 
liche Abgabe in der Höhe von 3o 000 Goldgulden auf erlegte, mußten 
die Juden neben der Rürgerschaft und dem Klerus nicht weniger als 
den dritten Teil dieser Summe auf bringen. Wenig erfreulich war für 
die römischen Juden auch die vorübergehende, auf demokratischer 
Grundlage errichtete Regierung des Volkstribuns Cola di Rienzi 
(i347—i354). Wohl begrüßte die Bevölkerung seinen über die 
1 ) Eine dunkle, in den Chroniken „Schebet Jehuda“ (Nr. i4) und „Emek 
ha’bacha“ (mit Berufung auf Samuel Usque) wiedergegebene Nachricht weiß da 
von zu erzählen, daß die Schwester irgendeines Papstes, von Judenhaß beseelt, 
ihren Bruder dazu zu überreden suchte, alle Juden aus seinem Herrschaftsbereiche 
zu vertreiben. Die Gefahr soll nur dadurch abgewendet worden sein, daß es den 
Abgeordneten der römischen Gemeinde mit dem Beistand des Königs von Neapel 
Robert gelungen sei, den Papst mitsamt seiner Schwester in Avignon durch in 
ständige Bitten und reiche Gaben zur Gnade zu bewegen.
	        

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