Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

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§ 54. Der Untergang der geistigen Kultur in Spanien 
ten daher Rettung in der Flucht, und unter den Flüchtlingen befand 
sich auch Isaak Abravanel, der von seinen Verehrern gerade in dem 
Augenblick vor der drohenden Gefahr gewarnt wurde, als er im Be 
griffe war, sich auf Aufforderung des Königs hin nach dessen Resi 
denz zu begeben. Trotz der Verfolgung durch die vom König ausge 
sandten Häscher gelang es Abravanel, die portugiesische Grenze zu 
überschreiten und nach Kastilien zu entkommen. Seine Flucht schien 
den vom König gegen ihn gehegten Verdacht endgültig zu bestätigen, 
weshalb denn auch Juan II. sein ganzes Vermögen kurzerhand kon 
fiszierte. Im Jahre i483 ließ sich Abravanel in Toledo nieder und 
hier sollte es ihm beschieden sein, den Schlußakt der Tragödie der 
spanischen Judenheit persönlich mitzuerleben. 
§ 54. Der Untergang der geistigen Kultur in Spanien 
Die sturmbewegte Zeit der Verfolgungen des Judaismus mußte 
der jüdischen Literatur in Spanien unausbleiblich ihren Stempel auf- 
drücken. Als hervorstechendster Zug des Schrifttums dieser Epoche 
erscheint die geistige Selbstwehr. Die scharfe Abgrenzung des Judais 
mus als einer religiösen und philosophischen Weltanschauung von 
allen sonstigen Lehren und die Betonung seiner Erhabenheit über 
alle seine Rivalen — dies war das alleinige Ziel, für das sich die jü 
dischen Denker angesichts des dem jüdischen „Unglauben“ von der 
umgebenden Welt angesagten Vernichtungskrieges mit ganzer Seele 
zu begeistern vermochten. In der Epoche gewaltsamer Taufen, als 
die wankelmütigen Geister Gefahr liefen, sich durch die christliche 
Dogmatik betören zu lassen und so aus unfreiwilligen Christen zu 
Christen aus Überzeugung zu werden, mußte die Bekämpfung der 
verfänglichen Dogmen als die wichtigste aller literarischen Aufgaben 
erscheinen. So ist denn die Literatur der ersten Hälfte des XV. Jahr 
hunderts vor allem der religiösen Apologie und Polemik gewidmet. 
In einem Lande, wo die religiösen Disputationen stets an der Tages 
ordnung waren und wo von dem Ausgang der über zwei Jahre sich! 
hinziehenden Disputation zu Tortosa das Schicksal des gesamten Vol 
kes abzuhängen schien, war das polemische Schrifttum zu einem or 
ganischen Bestandteil des Lebens selbst geworden. Man schrieb, wie 
es nur natürlich war, mit viel größerem Freimut als man zu reden 
pflegte. Die unverblümte Kritik des Christentums, für die in den
	        
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