Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 52. Die Bewegung gegen die Marranen 
365 
der ihnen zugesicherten Unantastbarkeit von Leben und Besitz strenge 
Strafen stünden. 
So stemmte sich die auf den Aufbau des Landes bedachte staats- 
männische Besonnenheit mit aller Kraft gegen die zerstörenden Mächte 
des kirchlichen Fanatismus; doch sollte der gesunde Menschenver 
stand in dem von entfesselten Leidenschaften beherrschten politischen 
Kampf schließlich den Kürzeren ziehen. Der Judenhaß, von dem die 
christlichen Massen Spaniens in dieser Epoche beseelt waren, richtete 
sich übrigens weniger gegen die rechtgläubige Judenheit als vielmehr 
gegen jene unzähligen „Neuchristen“ jüdischer Herkunft, die von dem 
Klerus selbst der Kirche zugeführt worden waren. Die Angst vor 
dem außerhalb der Kirche stehenden äußeren Feind erfuhr eine 
schwere Komplikation durch die Befürchtung, daß die Überläufer 
aus dem feindlichen Lager in das Innere der kirchlichen Festung 
nur zu dem Zwecke eingedrungen seien, um sie von innen her um 
so sicherer in die Luft sprengen zu können. 
§ 52. Die Bewegung gegen die Marranen 
Seit der Zeit des klerikalen Terrors, der Tausende und Abertau 
sende von kastilischen und aragonischen Juden zu Gefangenen der 
Kirche machte, hielt die „Konvertiten“ (Gonversos)- oder „Neuchri- 
sten“-Frage die christliche Welt fortwährend in Spannung. Gründe 
zum Alarmschlagen gab es übergenug. Einerseits war es klar, daß 
die überwiegende Mehrheit der Neubekehrten zwar die christliche 
Taufe, nicht aber die christliche Religion angenommen hatte. Die 
Fronknechte der Kirche, die „Anussim“, blieben im tiefsten Grunde 
ihres Herzens treue Anhänger ihres nationalen Glaubens und hiel 
ten insgeheim an seinen Gesetzen mit der den Verfolgten eigenen 
Leidenschaftlichkeit unentwegt fest. Sie vermieden es, ihre Kinder 
taufen zu lassen, und wenn sie sich dazu gezwungen sahen, beeilten 
sie sich, das Kind nach der Taufe von dem „Weihwasser“ wieder 
reinzuwaschen; wiewohl sie um des äußeren Scheines willen die Kirche 
besuchten, pflegten sie zugleich im geheimen ihre Andacht in der 
Synagoge zu verrichten, den Sabbat und die Feiertage zu heiligen 
und die Speisegesetze nebst den anderen jüdischen Bräuchen streng 
stens zu beobachten. Dies konnte den Christen unmöglich verborgen 
bleiben, und so beschloß die katholische Geistlichkeit schon im Jahre
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.