Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 51, Die zeitweilige Restauration (1U15—1U5U) 
nische Land gewesen war (oben, § 4g). Nachdem die glaubenseifrige 
Königin Catalina gestorben war, wurde der von ihr zusammen mit 
dem Renegaten von Burgos geleitete Regentschaftsrat aufgelöst. Die 
Regierung übernahm formell König Juan II. (i4i8—1454), wäh 
rend die tatsächliche Gewalt in den Händen seines ersten Ministers, 
des liberalen Alvaro de Luna lag. Die neue Regierung war sich dar 
über im klaren, daß die Verarmung vieler Städte, der Verfall jener 
Industriezweige, die ehedem von den Juden und Mauren gepflegt 
worden waren, die Zerrüttung der früher durch die Findigkeit der 
jüdischen Steuerpächter und Bankiers im Gleichgewicht erhaltenen 
Staatsfinanzen — daß dies alles nur auf das Konto des kirchlichen 
Terrors zu setzen war. Die kastilischen Staatsmänner beschlossen da 
her, den inneren Frieden im Lande so schnell wie möglich wieder 
herzustellen. Die Juden wurden von neuem in ihre alten Rechte ein 
gesetzt und den kapitalkräftigeren und unternehmungslustigeren un 
ter ihnen wurde die Pacht der Staatseinkünfte übertragen; zugleich 
ermöglichte es die Regierung den jüdischen Gemeinden, ihre Selbst 
verwaltung auszubauen und auf eine sichere Basis zu stellen. Das un 
ter Heinrich III. und Meir Alguadez begonnene und durch die zer 
störende Macht des Klerikalismus so jäh unterbrochene Restaurations 
werk wurde jetzt mit aller Energie von neuem auf genommen. 
Als Hauptförderer dieses Aufbauwerkes tat sich der am kastili 
schen Hofe hoch angesehene jüdische Führer Abraham Benveniste 
hervor, der als offizieller Vermittler zwischen den jüdischen Gemein 
den und der Regierung den Titel „Hofrabbiner“ (rabi de la corte) 
führte. Die Aufgabe, die Benveniste zu bewältigen hatte, war nicht 
leicht: es galt, die durch die unzähligen Judenhetzen und durch die 
Massentaufen in völligen Verfall geratene Gemeindeverfassung von 
Grund auf wieder aufzubauen. An manchen Orten machte sich so 
gar ein Mangel an Andachtsstätten fühlbar, da während der Schrek- 
kensherrschaft viele Synagogen in Kirchen umgewandelt worden wa 
ren. Die soziale Zucht war zerrüttet, die Familienbande waren ge 
lockert, die Grundfesten des religiös-sittlichen Lebens erschüttert; 
überall machte sich Willkür und Zügellosigkeit breit. Während die 
Wohlhabenderen dem Vergnügen nach jagten, in Luxus schwelgten 
und die Mißgunst der Christen erregten, kämpfte die große Masse 
des Volkes verzweifelt ums Dasein und verharrte in tiefster Unwissen 
heit. Die Schulen standen leer, die Jugend war verwahrlost und de 
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