Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 50. Die Disputation zu Tortosa 
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tum erlassenen grausamen Bulle Luft (Mai i4i5). Er gab darin den 
Befehl, alle zutage geförderten Exemplare des „gotteslästerlichen 
Talmud“ sowie sonstige gegen das Christentum gerichtete polemische 
Schriften zu vernichten; den Juden in jeder Stadt nur ein einziges 
bescheidenes Bethaus zu belassen; sie in jeder Weise von den Chri 
sten abzusondern; den Christen zu untersagen, den Juden auch nur 
den geringsten Dienst zu erweisen, etwa an Sabbattagen in ihrer Be 
hausung das Licht anzuzünden und auszulöschen oder Feuer zu ma 
chen, und endlich die Juden mindestens dreimal im Jahre zum An 
hören antijüdischer Missionspredigten zu zwingen. 
Die Bulle Benedikts XIII. büßte indessen ihre Kraft bald ein, da 
ihr Urheber noch in demselben Jahre sogar in seinem Vaterlande Ara- 
gonien nicht mehr als Papst anerkannt wurde. Das Konstanzer Konzil 
stellte fest, daß den „Benedikt XIII. genannten Pedro de Luna“ die 
Hauptschuld an der Kirchenspaltung treffe und faßte den Beschluß, 
daß „er, ein verdorrter Zweig am Baume der katholischen Kirche, 
abgehauen werden müsse“ (i4i5). Nach diesem Urteilsspruch rück 
ten von dem aller Ämter und Würden enthobenen ehemaligen Papst 
auch seine nächsten Mitstreiter, der Bischof Paul von Burgos und Vi- 
cente Ferrer ab. Ferrer brandmarkte nunmehr seinen früheren Gön 
ner als einen „zuchtlosen und scheinheiligen Papst“. Übrigens wurde 
auch Ferrer selbst mitsamt seiner Flagellantenbande von der Kon 
stanzer Kirchenversammlung statt der erhofften Anerkennung ein 
sehr wenig schmeichelhaftes Leumundszeugnis zuteil. Zusammen mit 
ihm verschwand von der Oberfläche auch der andere Günstling des 
Benedikt, Josua aus Lorca oder Geronimo de Santa-Fe, der sich seit 
dem nur noch auf dem Gebiete der literarischen Polemik versuchte. 
Er verfaßte zwei Schriften: „Gegen den Afterglauben der Juden“ 
(Contra Judaeorum perfidiam) und „Gegen den Talmud“, die die 
von ihm bei der Disputation in Tortosa gegen das Judentum vorge 
brachten Argumente verewigen sollten. Die in der ersten dieser Schrif 
ten enthaltene Apologie des Christentums ist überreich an Wunder 
lichkeiten, die nicht selten auch als höchst unflätig erscheinen (so 
der aus Jeheskel 44, 2 abgeleitete Beweis für die unbefleckte Emp- 
pfängnis). Im jüdischen Schrifttum lebt dieser Renegat unter dem 
Beinamen „Megadef“ (Gotteslästerer) fort, der zugleich als Abbrevia 
tur seines christlichen Namens: Maestro Geronimo de Santa-Fe ge 
deutet wurde. Mit literarischen Waffen bekämpfte das Judentum ge
	        

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