Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Der Zusammenbruch des jüdischen Zentrums in Spanien 
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Streites über die Verbindlichkeit der Haggada als Quelle der Dog 
matik, der Rationalisten und Konservative von jeher entzweite. 
Nachdem sich Benedikt von der Fruchtlosigkeit des von ihm in 
szenierten Wortgefechtes überzeugt hatte, versuchte er, der jüdischen 
Delegation durch die in Reserve gehaltenen schlagenderen Mittel bei 
zukommen. Man begann Scharen von durch die Mönche terrorisierten 
Juden aus verschiedenen Städten nach Tortosa zu befördern und 
zwang sie, im Sitzungssaal vor den versammelten jüdischen Volks- 
f (ihrem die Formel der Lossagung vom Judentum zu sprechen. Da 
durch sollte den Abgeordneten vor Augen geführt werden, daß viele 
Gemeinden von der Kirche bereits erobert seien und daß die Syna 
goge hart vor dem Sturze stehe. Indessen verfehlten auch diese effekt 
vollen Vorführungen gänzlich ihr Ziel, wiewohl sie den Delegierten 
unsägliche moralische Qualen bereiteten. Das Interesse für die Dis 
putation ebbte inzwischen merklich ab. Benedikt mußte immer 
häufiger Tortosa verlassen, um .sich bei seinen Parteigängern in 
eigener Sache Rat zu holen: um diese Zeit wurden nämlich Vorbe 
reitungen zu der großen Kirchenversammlung getroffen, auf der die 
Entscheidung über die drei miteinander rivalisierenden Päpste, von 
denen Benedikt die geringsten Aussichten auf Anerkennung hatte, 
endgültig fallen sollte. Während seiner Abwesenheit führte in den 
Disputationssitzungen statt seiner der General des Dominikanerordens 
oder ein anderer geistlicher Würdenträger den Vorsitz. Zweimal 
wurde die Diskussion für einige Monate unterbrochen, so daß sich 
die Veranstaltung bis in den Herbst des Jahres i4i4 hinzog, wobei 
die letzten Sitzungen nicht mehr in Tortosa, sondern in dem nahe 
gelegenen St. Mattheo abgehalten wurden. Es wurde immer klarer, 
daß die Disputation ein Versuch mit untauglichen Mitteln sei. Wie 
wohl die Partei des Benedikt das Gerücht in Umlauf setzte, daß 
manche von den Delegierten sich während der Disputation von der 
Wahrheit des Christentums überzeugt hätten, war in Wirklichkeit 
kein einziger von ihnen zurückgewichen: die lügenhaften Meldungen 
beruhten auf einer absichtlichen Verwechslung der willenlosen Opfer 
des Missionsterrors mit der tapferen Schar der jüdischen Wortführer. 
Jedenfalls war die Hoffnung Benedikts, daß er auf dem bevorstehen 
den Konstanzer Konzil sich seines Triumphes über die maßgebenden 
Vertreter des Judentums werde rühmen können, endgültig vereitelt. 
Der enttäuschte Papst machte seinem Zorn in einer gegen das Juden
	        

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