Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Der Zusammenbruch des jüdischen Zentrums in Spanien 
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Viele übersiedelten nach Portugal, nach dem maurischen Granada, 
sowie jenseits Gibraltars, nach Afrika. Zusammengeschmolzen war 
auch der königliche Schatz, der des größten Teils seiner Einkünfte 
aus den jüdischen Sondersteuern verlustig gegangen war, da sie nun 
mehr weder von den Täuflingen, noch von den im Lande verbliebe 
nen und an den Ruin gebrachten jüdischen Familien entrichtet wur 
den. Angesichts dieser Notlage entschloß sich der kastilische König 
Heinrich III. im Jahre i3g5, die Wiederherstellung der zerstörten 
„Juderien“ schleunigst in Angriff zu nehmen. Er stellte für alle 
Wühlereien gegen die Juden schwerste Strafen in Aussicht und ließ 
sogar den Urheber des Gemetzels von Sevilla, Martinez, in Kerker 
haft nehmen. Bald sah sich indessen der König genötigt, den fana 
tischen Priester, der im Volke als „Heiliger“ galt, wieder auf freien 
Fuß zu setzen. Ebenso machtlos stand der König dem Adel gegenüber: 
er mußte sich den Forderungen der Cortes von Valladolid fügen, 
wonach den Christen, d. h. den heruntergekommenen Edelleuten, die 
Hälfte der den jüdischen Gläubigern geschuldeten Beträge erlassen, 
das Recht der Juden, als Zeugen gegen Christen vor Gericht aufzu 
treten, bedeutend eingeschränkt und den Juden überdies das Tragen 
des Sonderzeichens zur Pflicht gemacht werden sollte (i4o5). Der 
Politik des Königs, die auf die Heilung der dem Staate durch die Ka 
tastrophe des Jahres 1391 zugefügten Wunden ausging, war somit 
von vornherein nur ein enger Spielraum gelassen. Unter den von 
ihm getroffenen Maßnahmen verdient besondere Erwähnung die Er 
nennung seines Leibarztes Meir Alguadez zum Großrabbiner der ka- 
stilischen Gemeinden und dessen Betrauung mit dem Wiederaufbau 
der Juderien und mit der Regelung des Steuerwesens. Alguadez scheint 
denn auch während der kurzen Regierung Heinrichs III. für die Re 
stauration der Gemeinden nicht wenig geleistet zu haben. Durch den 
vorzeitigen Tod des kränklichen Königs (i4o6) wurde indessen das 
Aufbauwerk jäh unterbrochen: von neuem brach eine Zeit drückender 
Unruhe an. 
Infolge der Minderjährigkeit des neuen Königs Juan II. wurde 
das Land eine Zeitlang durch eine Regentschaft verwaltet, an deren 
Spitze die der klerikalen Partei mit ganzer Seele ergebene Königin- 
Mutter Catalina stand. An dem Regentschaftsrat beteiligte sich unter 
anderen der Bischof Paul von Burgos, der zum Vormund und Er 
zieher des jugendlichen Königs bestellt war. Dieser Bischof war kein
	        

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