Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 49. Der Missionsterror (Vicente Ferrer) 
den Kirche getragene Kultur — dies war das Losungswort derjenigen, 
die sich seit dem XV. Jahrhundert die Vereinheitlichung des christ 
lichen Spanien zum Ziele gesetzt hatten. Die Realisierung dieses Ideals 
setzte aber entweder die Ausrottung der fremdartigen Elemente, der 
Juden und Mauren, oder aber deren gewaltsame Verschmelzung mit 
der christlichen Bevölkerung voraus. In anderen Ländern, in denen 
man die Hoffnung auf die Bekehrung der Juden schnell aufgegeben 
hatte, wurden sie bedrückt, niedergemetzelt oder von Haus und Hof 
vertrieben; in Spanien wollte man indessen von dieser Hoffnung um 
keinen Preis lassen, zugleich aber auch keine Zeit verlieren: so ni 
stete sich in den Geistern der spanischen Klerikalen immer tiefer 
die Idee der gewaltsamen Massentaufe ein, vor deren Kühnheit sogar 
die eifrigsten Päpste zurückschreckten, so daß sich die Übereifrigen 
„katholischer als der Papst selbst“ erwiesen. In dem von ihnen ver 
fochtenen Prinzip der Verbreitung des Glaubens durch die Macht 
des Schwertes waren gleichsam die Uranfänge des Islam zu neuem 
Leben erstanden. „Tod oder Taufe!“ — in diesem Zeichen glaub 
ten sie ihres Sieges sicher zu sein. Während den französisch- 
deutschen Kreuzfahrern am Ausgang des XI. Jahrhunderts ein 
ähnlicher Versuch mißlungen war, hatten die spanischen „Kreuz 
ritter“ gegen Ende des XIV. Jahrhunderts, dem Aufruf des Marti- 
nez folgend, einen teilweisen Sieg erfochten, der sie auch zu weiteren 
Angriffen ermuntern mußte. Hatte man Zehntausende von Juden 
niederzumachen und ebensoviele der Taufe zuzuführen vermocht, 
so mußte, meinten sie, das unentwegte Festhalten an dieser Taktik 
schließlich zu einer endgültigen Lösung der „jüdischen Frage“ füh 
ren. Dies ist eben der Weg, den das XV. Jahrhundert beschreitet: die 
eine Hälfte der jüdischen Bevölkerung wird gewaltsam der Kirche 
in die Arme getrieben, während der andere, von Schwert und Kreuz 
verschont gebliebene Teil aus dem Lande verbannt wird. So gelangt 
das im Jahre 1891 eingeleitete Werk hundert Jahre später, im Jahre 
1492, zu seinem Abschluß. 
Nach dem „heiligen Kriege“ (oben, § 37) trat zunächst eine kurze 
Ruhepause ein. Durch die Wunden, die dem handelstüchtigsten, den 
Verkehr mit den europäischen und afrikanischen Märkten aufrecht 
erhaltenden Bevölkerungsteil geschlagen worden waren, wurden viele 
spanische Städte völlig ruiniert. Die jüdischen Gemeinden hatten die 
Mehrzahl ihrer Mitglieder eingebüßt und verfielen der Verarmung. 
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