Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 3. Die Juden unter Ludwig dem Heiligen 
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weiteres zu haben. Ein Streiter der Kirche, erblickte er in der Ver 
folgung der Ketzer und Andersgläubigen seinen wahren Beruf; Kreuz 
züge, äußere wie innere, waren der Traum seines Lebens. Von Natur 
gutmütig, war er indessen in Sachen des Glaubens unerbittlich. Er 
träumte von einer Bekehrung der Juden zum Christentum und grün 
dete eine Sonderstiftung zur Unterstützung der Neubekehrten. Be 
sonders befürchtete er aber die Beeinflussung der Christen durch das 
Judentum und empfahl daher den Laien, sich mit den Juden in keiner 
lei Erörterungen religiöser Fragen einzulassen. Der Freund Ludwigs 
und Chronograph seiner Regierungszeit Joinville berichtet über den 
folgenden Vorfall. Im Kloster von Cluny kam es einst zu einer reli 
giösen Disputation zwischen Mönchen und Juden. Ein als Gast im 
Kloster weilender Ritter fragte bei dieser Gelegenheit einen Rabbiner, 
ob dieser daran glaube, daß die Jungfrau Maria die Mutter Gottes sei. 
Der Rabbiner verneinte es. „Dann ist es ja ein Wahnsinn — rief der 
Ritter aus —, daß ihr im Hause der Heiligen Jungfrau erscheint, an 
die ihr nicht glaubt und die euch verhaßt ist!“ Darauf überfiel er den 
Rabbiner und schlug so heftig mit einem Stock auf ihn ein, daß seine 
Stammesgenossen ihn schwer verletzt aus dem Kloster forttragen 
mußten. Als der König von diesem für die Kirche so ruhmvollen Aus 
gang des Streites erfuhr, sagte er: „Mögen allenfalls die sanft 
mütigen Priester mit den Juden disputieren; ein Laie, in dessen 
Gegenwart die christliche Religion verhöhnt wird, soll sie hingegen 
mit seinem Schwerte verteidigen und die scharfe Klinge, so tief es 
geht, in den Leib des Gotteslästerers stoßen“. Der gekrönte Kreuzritter 
selbst fand sich in der Tat immer bereit, gegen das Judentum, das in 
Frankreich eine bedeutende soziale und wirtschaftliche Macht dar 
stellte, das Schwert des Gesetzes zu ziehen; allerdings stand ihm hier 
bei die wirtschaftliche Ordnung des Landes im Wege und dieses Hin 
dernis vermochte auch der allgewaltige Monarch nicht zu überwinden. 
In dem von einer Versammlung der Staatswürden träger in Melun 
ausgearbeiteten Statut (ia3o) wurde kundgetan, daß der König „um 
seines eigenen Seelenheils und um der Verherrlichung des Andenkens 
seines Vaters und seiner Vorgänger willen“ gemeinsam mit den Ba 
ronen beschlossen habe, den Juden künftighin das Ausleihen von Geld 
auf Zinsen gegen Schuldbriefe sowie die Beitreibung von Schulden 
auf gerichtlichem Wege zu untersagen. Zugleich wurden die Juden 
endgültig an ihre Herren gefesselt, da die Bestimmung getroffen
	        

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