Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 46. Die Hussitenbewegung und die klerikale Reaktion 
Tod“ folgenden Zeit: die Herrscher waren überzeugt, daß die Juden 
einzig und allein von ihrer Gnade lebten und hielten sich daher für 
berechtigt, ihrerseits auf Kosten der Juden zu leben. 
§ 46. Die Hussitenbewegung und die klerikale Reaktion 
(1400—1450) 
Zu Beginn des XY. Jahrhunderts sahen sich die jüdischen Gemein 
den der deutschen Reichsstädte endgültig einer Doppelherrschaft 
unterworfen: es wurde jetzt nämlich zur Regel, daß der Kaiser die 
ihm über seine Kammerknechte zustehende Gewalt sowie die von die 
sen bezogenen Einkünfte mit den Stadträten, den Regierungen des 
Bürgertums, teilte, das sich um jene Zeit zu einer bedeutenden poli 
tischen Macht entfaltet hatte. Der Wenzel auf dem deutschen Throne 
folgende Ruprecht von der Pfalz (i4oo—i4io) verwarf zwar das 
von seinem Vorgänger bevorzugte System der Enteignung der Ju 
den durch Annullierung der ihnen gegenüber eingegangenen Schuld 
verpflichtungen, zog aber die Steuerschraube nach wie vor mit aller 
Schärfe an. Er erhob bei den Reichsstädten die Hälfte aller ihnen von 
den jüdischen Gemeinden für erwiesenen „Schutz“ gezahlten Steuern 
und forderte überdies den Juden als Reichskopfsteuer den festge 
setzten „güldenen Opferpfennig“ ab. Zur Eintreibung dieser Abgaben 
wurden besondere Kommissare oder Einnehmer eingesetzt, unter de 
nen auch Juden oft vertreten waren. Ruprecht versuchte sogar, die 
Juden zu fiskalischen Zwecken einem besonderen „Hochmeister“ oder 
staatlichen Rabbiner zu unterstellen, der zugleich die inneren Ge 
meindeangelegenheiten überwachen sollte, doch weigerten sich die 
Gemeinden aufs entschiedenste, dem ihnen aufgezwungenen Ober 
rabbiner zu gehorchen (unten, § 48). 
Eine unruhige Zeit brach für die Juden von neuem unter dem Kai 
ser Sigismund an, dessen Regierung (i4n—i437) vom Kampfe 
gegen die Reformationsbewegung der Hussiten, von den langwierigen 
„Hussitenkriegen“, ausgefüllt war. Die in Böhmen zum Durchbruch 
gekommene Reformationsströmung zog für die Juden dieselben Fol 
gen nach sich, wie die gleichgeartete Albigenserbewegung in Frank 
reich zu Beginn des XIII. Jahrhunderts. Die eine wie die andere 
„Ketzerei“, wie dieser kühne Kampf gegen die tiefwurzelnde Ver 
derbnis der Kirche in der offiziellen Kirchensprache hieß, löste eine 
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