Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Deutschland im XIV. und XV. Jahrhundert 
an den Papst in unverhohlener Weise seinem begründeten Verdacht 
Ausdruck, daß die Priester, um das Volk durch Wunder zu verblüffen 
und es zugleich gegen die Juden aufzustacheln, die Hostie in betrüge 
rischer Weise selbst mit Blut besudelten. Dank diesem Herrscher ge 
lang es in Österreich, der aus dem benachbarten Bayern, dem 
Hauptschauplatz der Untaten der Judenschläger, einbrechenden Ver 
folgungsseuche mit fester Hand Einhalt zu gebieten. 
§ 44. Der Schwarze Tod (13U8—13U9) 
Die geistige Infektionskrankheit des Judenhasses erreichte ihren 
Höhepunkt im Jahre i348, als sich in Europa eine der grauenvollsten 
physischen Epidemien verbreitete: die aus dem Orient verschleppte 
Pest, die im Volke „das große Sterben“ oder „der Schwarze Tod“ ge 
nannt wurde. Die Seuche richtete überall grenzenlose Verheerungen 
an: Millionen von Menschen fielen ihr zum Opfer, ganze Städte und 
Provinzen starben aus. In der kurzen Zeitspanne von zwei bis drei 
Jahren hatte nach manchen Schätzungen „der Schwarze Tod“ den 
dritten Teil der gesamten europäischen Bevölkerung hingerafft. Die 
Menschen waren wie von Sinnen. Die unaufgeklärte Menge, die dem 
Unglück fassungslos gegenüberstand, fing die unsinnigsten Gerüchte 
über dessen Ursachen mit wilder Gier auf; der Aberglaube steigerte 
sich zur Glaubenswut und trieb das Volk auf den Weg des Ver 
brechens. In diesem kritischen Augenblick wurde das ungeheuerliche 
Gerücht in Umlauf gesetzt, daß die Volksseuche durch die Juden her 
aufbeschworen sei, die zwecks Ausrottung der Christenheit das Brun 
nen- und Quellwasser vergiftet hätten. Der Funke fiel in ein Pulver 
faß, und es kam zur Explosion: die Volkswut wandte sich mit 
ihrer ganzen Wucht gegen die Juden. Die böswillige Verleum 
dung, unter der die Juden schon einmal in Frankreich zu leiden hat 
ten (oben, § 39), wurde trotz ihrer offensichtlichen Absurdität, da 
doch die Juden das von ihnen angeblich vergiftete Wasser selbst 
tranken und auch von der Pest in keiner Weise verschont blieben, 
von den christlichen Volksmassen für bare Münze genommen. Der 
Verdacht gegen die „Giftmischer“ fand an manchen Orten eine Stütze 
darin, daß die Sterblichkeit unter den Juden verhältnismäßig gerin 
ger war als unter den Christen, was wohl auf ihre mäßigere Lebens 
weise, auf ihre Nüchternheit und vor allem auf die sorgfältigere Kran- 
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