Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Zerstörung des französischen Zentrums 
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den Feinde. Diesen gelang es jedoch, die Feste in Brand zu stecken 
und in ihre Tore einzubrechen. Um der unabwendbaren Taufe zu ent 
rinnen, griffen die Juden zu einem alterprobten Mittel: sie schnitten 
sich gegenseitig die Kehle durch; doch brachten sie es nicht übers 
Herz, auch ihre Kinder mit sich in den Tod zu nehmen. Diese fielen 
so den Siegern in die Hände und wurden der Taufe zugeführt. Die 
Stadthauptleute machten zwar den Versuch, die Juden in Schutz zu 
nehmen; indessen war es nicht leicht, den Mordgesellen, die dem 
Volke als Helden des Glaubens galten, Einhalt zu gebieten. So fielen 
ihnen denn die Juden in Toulouse, Bordeaux, Albi und an anderen 
Orten zum Opfer. Erst nachdem die Volksunruhen zu einer Gefahr 
auch für den Adel und die Geistlichkeit geworden waren, erging vom 
Papste Johann XXII. aus Avignon der Befehl, den Banditen Zügel 
anzulegen. Nunmehr rückte die christliche Bevölkerung überall von 
den Hirten entschieden ab. Die gegen Narbonne vorrückenden Banden 
wurden angehalten und zerstreut. Kleineren Haufen der Hirtenarmee 
gelang es jedoch, nach den benachbarten Gebieten von Navarra und 
Aragonien durchzubrechen, die sie, wie erwähnt, eine Zeitlang un 
sicher machten. Wenn der Bericht eines Chronisten aus späterer Zeit 
(Ibn Verga) auf Wahrheit beruht, kamen in Frankreich und Nord 
spanien während der Schrecken des Hirtenzuges („Geserath haToim“) 
etwa hundertundzwanzig jüdische Gemeinden zu Schaden. 
Kaum hatten sich die französischen Juden von dieser Katastrophe 
erholt, als sie schon von neuem Unheil heimgesucht wurden. In Frank 
reich gab es nämlich um jene Zeit viele Aussätzige, die wegen der An 
steckungsgefahr außerhalb der Städte angesiedelt zu werden pfleg 
ten, wo sie ein elendes, armseliges Dasein führen mußten. Von Rache 
gefühlen gegen die sie ausstoßende Menschheit getrieben, begannen 
nun die Aussätzigen in Südfrankreich, wie die Volksmär behauptete, 
das Wasser in den Brunnen und Flüssen zu vergiften, wodurch viele 
Menschen ums Leben kamen (i32i). Als die des Verbrechens Ver 
dächtigen ergriffen wurden, wurde ihnen auf der Folterbank die 
Aussage abgepreßt, daß der teuflische Plan der Brunnenvergiftung 
ihnen von den Juden eingegeben worden sei. Das schlechte Gewissen 
der christlichen Judenhasser, die sich noch vor kurzem für die Aus 
rottung der jüdischen Bevölkerung ereifert hatten, mochte es ihnen 
als plausibel erscheinen lassen, daß sich die Opfer nun an ihren Pei 
nigern für den Hirtenzug zu rächen suchten. Der niedrigen Verleum-
	        

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