Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Das französische Zentrum und die englische Kolonie 
Graf von Toulouse und Gebieter Südfrankreichs, in dem Rufe 
stand, Juden wie Ketzer in gleicher Weise zu begünstigen. Daß 
Raimund, ungeachtet der Forderungen der ßischöfe und des Papstes, 
die Albigenser gewähren ließ, hatte seinen Grund darin, daß er an 
dernfalls die Treue eines beträchtlichen Teiles seiner Untertanen sich 
unwiederbringlich verscherzt hätte. Die von ihm den Juden erwiesene 
Gunst ging aber so weit, daß er sie an manchen Orten unter Miß 
achtung der kirchlichen Kanons sogar zu Staatsämtern zuließ. Alle 
diese Umstände bestärkten den Papst Innocenz in seinem Entschluß, 
zugleich mit den Ketzern auch die Juden zu bekämpfen. 
Der Vernichtungskrieg gegen die Ketzer und ihre Gönner dauerte 
mit Unterbrechungen volle zwanzig Jahre (1209—1229). Der von 
Innocenz veranlaß te innere Kreuzzug lockte nach dem französischen 
Süden ein ganzes Heer von Fanatikern und Abenteurern herbei, an 
deren Spitze ßischöfe, Mönche oder habgierige Seigneurs von der Art 
eines Simon de Montfort standen, die sich für die Teilnahme am 
„heiligen Kriege“ durch bei den Ketzern eingezogene Ländereien zu 
entschädigen suchten. Den Auftakt bildete eine grauenvolle Metzelei 
in Reziers (im Juli 1209), wo etwa siebentausend in der Kirche der 
Hl. Magdalene Zuflucht suchende Männer, Frauen und Kinder er 
barmungslos niedergemacht wurden. Im ganzen kamen hier etwa 
zwanzig tausend Menschen ums Leben. Man mordete un terschiedslos 
sowohl Ketzer wie auch jene rechtgläubigen Katholiken, die sich wei 
gerten, ihre sektiererischen Mitbürger auszuliefern. Das geflügelte 
Wort des Anführers der Fanatiker, des Legaten Arnold: „Macht alle 
nieder, Gott im Himmel wird die Seinen schon heraussuchen“ kenn 
zeichnet am treffendsten die damalige Lage. Was konnten unter sol 
chen Umständen die Juden erhoffen! Die lakonische Nachricht des 
jüdischen Chronisten lautet: „Im Trauerjahre 169 (1209 d. ehr. Ära) 
ergriffen verabscheuungswürdige Menschen in Frankreich das Schwert 
und richteten am 19. Ab ein furchtbares Blutbad an: unter den Nicht 
juden wurden 20000, unter den Juden 200 ermordet; viele wurden 
in die Gefangenschaft abgeführt“ 1 ). Derselbe Chronist berichtet, daß 
im Jahre 1217 die Gattin des Ketzerhenkers Simon Montfort in Tou- 
t) Schebet Jehuda, ed. Wiener, S. n3 (Bruchstücke aus einer alten Chronik 
von Sanzolo). Der Name der Stadt ist hier allerdings nicht genannt, doch paßt 
das Datum genau auf die Ereignisse von Beziers. In der Chronik Jochassin (ed. 
Filippowsky, S. 220) wird hingegen Beziers als der Schauplatz der Katastrophe 
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