Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 29. Das geistige Leben in Italien 
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begründet jede Gesetzesformulierung durch Belege aus dem Talmud 
und der vorangehenden rabbinischen Literatur, zuweilen aber auch aus 
den unverbindlichen Überlieferungen der Haggada. Er teilt viel Be 
merkenswertes über die in Frankreich, Deutschland und Italien gel 
tenden rituellen Bräuche mit und empfiehlt, die Volksriten, unge 
achtet des ihnen mitunter zugrunde liegenden Aberglaubens, in Ehren 
zu halten. Zedekia glaubt z. B. an die prophetische Bedeutung der 
Traumgesichte und an die Möglichkeit, sich von Gott eine durch den 
Traum vermittelte Lösung irgendeiner schwer entwirrbaren Frage zu 
erbitten („Schaalath chalom“); er erörtert allen Ernstes die in der 
Haggada vorkommende Bemerkung, wonach die Engel kein Aramäisch 
verständen, gestattet aber trotzdem, im Gebet aramäische Worte zu 
gebrauchen, da ja in der Haggada auch solche Engel erwähnt würden, 
die „alle siebzig Sprachen“ beherrschten. — Italien war übrigens von 
altersher das Land des Aberglaubens (Band IV, § 21). 
In seinem Kodex beruft sich Zedekia auf viele damals in Italien 
wirkende Rabbiner, unter anderem auf die hervorragenden Talmud 
gelehrten aus der römischen aristokratischen Familie der Anawim 
(Dei Mansi), der er selbst angehörte. Dieser hochgebildeten Familie, 
der eine Reihe gelehrter Ärzte entstammten, entsproß auch der 
Schriftsteller Jechiel ben Jekutiel, der Verfasser eines kurzgefaßten 
moral-pädagogischen Traktats über die „Hebung der Sitten“ („Maa- 
loth ha’midoth“, niedergeschrieben im Jahre 1278). Rabbi Jechiel 
klagt in seiner Schrift über die Sittenverderbnis seiner Zeit und ver 
sucht für die Moral klare Leitprinzipien aufzustellen. Er klassifiziert 
die ethischen Normen und stellt jeder Tugend das ihr entgegengesetzte 
Laster gegenüber: dem Fleiß die Trägheit, der Bescheidenheit den 
Hochmut usw. Hierbei beruft er sich auf alle möglichen „Weltweisen“ 
ohne Unterschied der Nation und Religion und zählt ihnen sogar Alex 
ander den Großen, ja Friedrich II. als Männer von hervorragender 
Lebensklugheit zu. Der gesunden und lauteren Moral des R. Jechiel 
liegt jeder düstere Rigorismus, wie er uns etwa in dem in Deutschland 
entstandenen „Buche der Frommen“ entgegentritt, durchaus fern. Der 
italienische Moralist predigt zwar auch die Demut, jedoch nur im 
Sinne eines umsichtigen Taktgefühls: „Die Bescheidenheit führt den 
Menschen zu hohen Ehren“, während der Stolz nur von Mangel an 
Selbstachtung zeugt, denn „wenn der Mensch sich selbst achtet, kann 
«r den anderen gegenüber nicht hochmütig sein“. Der Zorn sei nicht 
14 Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Bd. V
	        

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