Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Die kleineren Zentren und Kolonien im XIII. Jahrhundert 
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§ 29. Das geistige Lehen in Italien 
Das geistige Leben der italienischen Juden bildete im XIII. Jahr 
hundert, wie schon ehedem, den Schnittpunkt verschiedenartiger Strö 
mungen, die in den beiden damaligen Hegemoniezentren, in Frank 
reich und Spanien, ihren Ursprung nahmen. Aus Nordfrankreich 
wurde hierher namentlich die Talmudwissenschaft der Tossafisten 
verpflanzt, die in den Jeschiboth von Rom, Trani und einigen an 
deren Städten zu hoher Entfaltung gelangte. Großes Ansehen genoß 
der Rabbiner Jesaja di Trani (gest. um 1270). Er verfaßte Kom 
mentare und „Tossafoth“ zum Talmud und versandte überallhin seine 
Entscheidungen über Fragen des Rechts und des Ritus. Allerdings war 
er kein großer Freund des französischen Rigorismus, sein Restreben 
ging vielmehr dahin, auf die Lebensbedürfnisse des Einzelnen Rück 
sicht zu nehmen und die Strenge des Gesetzes dementsprechend zu 
mildern. Jesaja di Trani gestand offen ein, daß er in den weltlichen 
Wissenschaften, in Mathematik und Astronomie, nicht Bescheid wisse 
und pflegte, soweit dies für das Verständnis des Talmudtextes er 
forderlich war, sich bei Fachmännern Auskunft zu holen; so wußte 
er z. B. nur vom Hörensagen, daß der Mond sein Licht von der Sonne 
empfange. Sein Enkel, R. Jesaja di Trani II., gleichfalls ein hoch 
angesehener Rabbiner, in dessen Zeit die erbitterte Fehde zwischen 
Religion und Philosophie fällt, ging in der Ablehnung der weltlichen 
Wissenschaft noch viel weiter und wollte von ihnen überhaupt nichts 
wissen; besondere Befürchtungen flößte ihm die Philosophie des Ari 
stoteles ein und er untersagte die Lektüre philosophischer Bücher, in 
denen „die Thora, die Weltschöpfung (ex nihilo) und das Dogma der 
Vergeltung“ geleugnet würden. Aus dem biblischen Gebot „Höre, 
Israel“ zog er den Schluß, daß der Glaube sich nur auf das „Gehör“ 
gründen müsse, d. h. auf die von den Altvorderen empfangenen Über 
lieferungen, nicht aber auf die selbsterlangte Erkenntnis oder die 
philosophische Forschung. 
Neben den Talmudisten der tossafistischen Richtung erstanden in 
Italien auch Kodifikatoren. So verfaßte der bereits erwähnte Zedekia 
ben Abraham haRofe aus Rom (wirkte um die Mitte des XIII. Jahr 
hunderts) einen Gesetzeskodex unter dem Titel „Schibbole ha’leket“ 
(Ährennachlese), in dem die Vorschriften über Feiertage, Gottesdienst 
und sonstige rituelle Bräuche zusammengestellt waren. Der Verfasser
	        

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