Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§ 2. Der innere Kreuzzug und die Lateransynode 
Ermordung von Christen durch Judenhand vollen Glauben zu schen 
ken. So verlangt er denn vom König, daß dieser gegen die Juden und 
Ketzer in Frankreich die allerstrengsten Maßnahmen ergreife (i2o5). 
Der Haß Innocenz’ III. gegen das Judentum, in dem er eine be 
deutende geistige und soziale Macht sah, steigerte sich in dem Maße, 
in dem die von ihm bekämpfte ketzerische Strömung innerhalb 
des Christentums selbst immer weiter um sich griff. Schon im XII. 
Jahrhundert hatte nämlich im Süden Frankreichs und an anderen 
Orten die Ketzerei der Waldenser oder der „Armen von Lyon“ Ver 
breitung gefunden, die die Rückkehr zum unverfälschten evange 
lischen Glauben predigten und sich gegen die ganze Verfassung der 
Kirche samt deren Oberhaupt, dem römischen Papste, auf lehnten. Zu 
Beginn des XIII. Jahrhunderts mehrten sich auch die Anhänger einer 
anderen Sekte, der der Katharer oder Albigenser, wie man sie nach 
der provenzalischen Stadt Albi zu nennen pflegte. Die Sektierer ver 
dammten den korrupten katholischen Klerus und sprachen ihm das 
Recht auf Beichte und Absolution ab, wobei manche noch viel weiter 
gingen und alle Kirchensakramente sowie die Anbetung der Mutter 
Gottes, der Heiligenbilder und der Reliquien aufs entschiedenste ab 
lehnten. Die Lehren der Sekte stellten eine Kombination verschiedener 
Bestandteile des antiken Gnostizismus, des manichäischen Dualismus 
und des Dämonismus dar. Während viele unter den Katharern die 
Ansicht vertraten, daß das Alte Testament von Satan-Jehova und 
nur das Neue von dem wahren Gott herrühre, tauchte daneben 
im Zusammenhang mit der Ketzerbewegung der Waldenser auch 
eine Gruppe judaisierender Sektierer auf, die sich „Wanderer“ oder 
„Beschnittene“ (Passagii, Circumcisi) nannten und die Rückkehr zum 
Alten Testament predigten. Zu Beginn des XIII. Jahrhunderts war 
die Zahl der verschiedenen Sektierer, insbesondere aber der Katharer 
so groß, daß die christliche Bevölkerung in einigen Gegenden der 
Provence und des Languedoc fast durchweg aus „Ketzern“ bestand. 
Die Hochburgen der Ketzer waren die von Juden dicht bevölker 
ten Städte Beziers, Carcassonne, Albi, Toulouse sowie deren Be 
zirke. Bei der nahen Nachbarschaft der ketzerischen Albigenser 
und der Juden mußte sich nun der Gedanke an einen unmittel 
baren Einfluß des Judentums auf manche Abarten der Ketzerei 
gleichsam von selbst aufdrängen. Überdies traf es sich, daß ge 
rade der mächtigste Vasall des französischen Königs, Raimund VI., 
2 Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Bd. V 
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