Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

Erstes Kapitel 
Das französische Zentrum und die 
englische Kolonie im XIII. Jahrhundert 
§ 2. Der innere Kreuzzug und die Lateransynode 
An Stelle der unorganisierten Judenhetze des XII. Jahrhunderts, 
die namentlich in den Massenausschreitungen der Kreuzfahrer zum 
Ausdruck kam, trat im XIII. Jahrhundert die mit aller Planmäßigkeit 
unter Oberleitung der katholischen Kirche organisierte Judenbedrük- 
kung. Die Wendung vollzog sich in dem Moment, als die streitbare 
Kirche, die ehedem die Kreuzfahrermassen nach dem Orient getrieben 
hatte, den Aufruf zu einem inneren Kreuzzug gegen die in Europa 
selbst, insbesondere in Südfrankreich zahlreich gewordenen Ketzer 
ergehen ließ. Der Inspirator des neuen Feldzuges und der Schrecken 
der Inquisition, Papst Innocenz III. (1198—1216), war zugleich der 
Urheber jener kirchlichen Politik, die darauf ausging, die Juden 
durch peinlich genaue Reglementierung ihrer Lebensverhältnisse 
zu einer Pariakaste innerhalb der christlichen Gesellschaft herab 
zuwürdigen. 
Die Leitsätze für diese neue antijüdische Politik stellte der Papst 
Innocenz III. in seinen Sendschreiben an die Bischöfe und an die ver 
schiedenen europäischen Herrscher erst nach und nach auf. In einem 
seiner ersten Erlasse (1199), in dem er die bekannte, alle Gewalttaten 
gegen Juden untersagende Bulle seiner Vorgänger nach altem Herkom 
men bestätigte, begnügte er sich vorerst damit, diese Bestätigung durch 
die Vorbemerkung abzuschwächen: „Wiewohl die verkehrte Glaubens 
lehre der Juden durchaus zu verdammen ist, so dürfen die Gläubigen 
diese dennoch nicht allzusehr bedrängen, denn durch sie wird die Wahr
	        

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