Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

§17. Der Kampf gegen weltliche Wissenschaft 
Symbolik zusammenschrumpfen: Abraham und Sara z. B. seien, wie 
sie meinten, nur Sinnbilder der Materie und der Form, die vier Erz 
mütter — die vier Elemente (Feuer, Luft, Wasser, Erde), der Kampf 
der vier Könige gegen die fünf (Gen. Kap. i4) bedeute den Wider 
streit der vier Elemente gegen die fünf Sinne, die zwölf Stämme 
Israels seien mit den zwölf Gestirnen des Tierkreises gleichbedeutend. 
Manche der Allegoristen gingen aber noch weiter und ließen sogar 
die praktische Frömmigkeit nicht unangetastet. Wenn alle Gesetze 
und Bräuche des Judentums — so sagten sie — nur dazu da sind, 
um in der Seele des Einzelnen erhabene religiös-sittliche Stimmungen 
zu erwecken, so müßten diese Vorschriften für den, der von solchen 
Stimmungen bereits durchdrungen ist, als unverbindlich gelten. Es 
braucht kaum gesagt zu werden, daß derartige Lehren für den tra 
ditionellen Judaismus, wie ihn die Rabbiner auf faßten, eine schwere 
Gefahr bedeuteten. Die Predigten der Freidenker und Skeptiker ge 
fährdeten das religiöse Gefühlsleben des Volkes und unterwühlten die 
strenge rituelle Zucht. Die gesetzestreuen Rabbiner setzten sich zur 
Wehr. Gleichwie sie in der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts gegen 
die damals einsetzende Propaganda der Maimonisten in die Schränken 
getreten waren, sahen sie sich jetzt, zu Beginn des XIV. Jahrhun 
derts, zur unnachsichtigen Bekämpfung der Folgen dieser Propa 
ganda genötigt. 
§17. Der Kampf gegen Philosophie und weltliche Wissenschaft 
Der von den Orthodoxen gegen die Freidenker wiederauf genom 
mene Kampf brach zuerst in demselben Montpellier aus, wo schon 
siebzig Jahre früher auf Antrieb der Feinde der Gedankenfreiheit für 
die Werke des Maimonides ein Scheiterhaufen errichtet worden war. An 
die Spitze des neuen Feldzuges stellte sich ein glühender Fanatiker der 
Tradition, Abba Mari Jarchi, der auch unter seinem französischen 
Namen Don Astruc de Lunel bekannt ist. Diesem Glaubensschwärmer 
schienen die Dinge recht einfach zu liegen: von zwiefachen Wahr 
heitsquellen wollte er nichts wissen und ließ nur die eine gelten, 
die in der Thora enthaltene und im Talmud ausgelegte göttliche 
Offenbarung 1 ). Der Judaismus beruhe, seiner Meinung nach, auf 
1 ) Die Ansichten des Abba Mari sind in seinen Streitschriften und Send 
schreiben zum Ausdruck gebracht, die in dem Buche ,,Die Weihgaben des Eifers“ 
(„Minchath Kenaoth“) wiedergegehen sind. Dieses Buch enthält den Briefwechsel 
der Teilnehmer des in den Jahren i3o3— i3o5 ausgefochtenen Kampfes. 
9 Dubnow, Weltgeschichte des jüdischen Volkes, Bd. V 
129
	        
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