Full text: Die Geschichte des jüdischen Volkes in Europa (5, Europäische Periode ; Das späte Mittelalter ; 1927)

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§ 15. Der Rabbinismus in Frankreich und Spanien 
ner Wanderung durch Frankreich und Spanien ereilte ihn in Toledo 
der Tod (1264). Auch manch anderer von den Helfershelfern der In 
quisition bekannte bußfertig seine Verirrung. 
§15. Der Rabbinismus in Frankreich und Spanien 
Die systematischen Verfolgungen des Talmud seit den Zeiten Lud 
wigs des Heiligen (die öffentliche Verbrennung der Bücher und deren 
häufige Einziehung zu Rezensierungszwecken) setzten der Entwick 
lung des Piabbinismus in Frankreich bald ein Ziel. Die Metropole der 
talmudischen Scholastik, die Pflanzstätte der Tossafisten, hatte in den 
ersten Jahrzehnten des XIII. Jahrhunderts blühende rabbinische 
Hochschulen aufzuweisen. Das Haupt der Jeschiba von Paris war der 
Rabbiner Jechiel ben Joseph, der Gegner des Renegaten Donin in der 
Disputation über den Talmud. Den in tossafistischem Geiste gehalte 
nen Vorträgen des R. Jechiel folgte eine Hörerschaft von dreihundert 
Jüngern. Nach der Verurteilung des Talmud geriet indessen die Pari 
ser Schule gänzlich in Verfall. Infolge des eingetretenen Mangels an 
Talmudabschriften mußte der Unterricht häufig nur mündlich gehal 
ten werden, was das Studium nicht unerheblich erschwerte. Der Schü 
ler der Pariser Jeschiba wurden immer weniger, und bald wanderte 
auch R. Jechiel selbst, wie erwähnt, nach Palästina aus (um 1260). 
Die Verfolgungen, denen das talmudische Schrifttum ausgesetzt 
war, gaben dem Werk der Sicherstellung und Zusammenfassung der 
überlieferten Schätze einen neuen Anstoß. Von der Besorgnis erfüllt, 
die „Thora könnte in Israel in Vergessenheit geraten“, bemühten sich 
jetzt die Gelehrten vor allem um die Erhaltung der wesentlichsten 
Partien des ihnen anvertrauten Erbgutes. So verfaßte der Rabbiner 
Moses aus Coucy, der zusammen mit R. Jechiel an der verhängnis 
vollen Pariser Disputation teilgenommen hatte, einen neuen Kodex 
unter dem Titel „Großes Buch der Gebote“ („Sefer mizwoth gadol“, 
abgekürzt „Semag“). Das Werk zerfällt in zwei Teile, in deren einem 
die Gebote („Mizwoth asse“), in dem anderen die Verbote („Mizwoth 
lo’taasse“) dargelegt sind. Die Absicht des konservativen Verfassers 
ging dahin, durch seine Sammlung den Kodex des Maimonides, in 
dem ihm manche rituelle Vorschriften nicht genügend betont zu sein 
schienen, zu berichtigen und zu ergänzen. Der mystisch gestimmte Rab 
biner aus Coucy erzählt hierbei, daß ihm der Plan zu seinem Werke
	        

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