§ 55. Der Kulturkampf zwischen Sadduzäern und Pharisäern
legung der Thoragebote sich breit verzweigten und die Absonderung
des jüdischen Volkes von der es umgebenden heidnischen Welt be
zweckten. Die Sadduzäer verspotteten den übermäßigen Eifer der Pha
risäer in der Einhaltung der die rituelle Reinheit betreffenden Bräuche
und als sie sahen, wie die Pharisäer im Jerusalemer Tempel die Ge
fäße zu Reinigungszwecken ins Wasser tauchten, sprachen sie höh
nisch: „Bald werden die Pharisäer auch die Sonnenscheibe mit Was
ser abwaschen“. Meinungsverschiedenheiten bestanden auch in Fragen
des Zeremoniells des Festgottesdienstes. Hinsichtlich des sommer
lichen „Erntefestes“ oder der „Wochen“ (Schebuoth, Pfingsten)
erwies sich selbst die Frist des Feiems als umstritten. Nach
dem Thorabuchstaben tritt die Frist nach Ablauf von sie- •
ben Wochen „vom Tage nach dem Sabbat, da der Omer (d. i.
die Passahgetreidegarbe) dargebracht“ wurde, ein (Lev. 2 3, n, i5).
Aus diesem Grunde glaubten die Sadduzäer schließen zu müssen, daß
Schebuoth immer an einem dem Sabbat folgenden Tage, d. i. am
Sonntage, zu feiern sei, und zwar sieben Wochen nach dem Passah
sonntage. Die Pharisäer waren hingegen der Meinung, daß die sieben
Wochen nicht unbedingt von einem Sabbat ab gerechnet werden müß
ten, sondern von dem zweiten Passahtage, an dem im Tempel der
,/)mer“, die erste Getreidegarbe, als Symbol des Erntebeginns dar
gebracht zu werden pflegte, so daß das Schebuothfest infolgedessen
auf jeden beliebigen fünfzigsten Tag nach dem „Omer“ fallen könne
und den Ernteschluß zu versinnbildlichen hätte 1 ). So wurde denn auch,
wie es scheint, der Festtag verschieden angesetzt, je nachdem im Syn-
hedrion zur gegebenen Zeit eine sadduzäische oder eine pharisäische
Mehrheit vorhanden war. Am herbstlichen Sukkothfest hielten sich die
Pharisäer an den durch die Anerkennung des Volkes geheiligten Brauch
der „Wasserlibation“ am Tempelaltar, ebenso wie an die Sitte des
Tragens von Weidenzweigen am siebenten Festtage, während die Sad
duzäer diese Bräuche als von der Thora nicht erwähnt rundweg ab
lehnten. Die Mißachtung des Libationszeremoniells durch den könig
lichen Sadduzäer Jannäus gab sogar, wie bereits erwähnt, den unmit
telbaren Anlaß zu einem blutigen Zusammenstoß im Jerusalemer
Tempel (§ 28).
Ein dumpf er Widerhall dringt auch zu uns von Streitigkeiten zwi-
1 ) Die Karäer halten sich bis zum heutigen Tage an die sadduzäische Interpre
tation und begehen das Schebuothfest stets an einem Sonntage.
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