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mir vor Schmerz fast das Herz ab, daß mein bester Freund ivmb
Kamerad jetzt gar so jung hat sterben müssen . .
Ja, die Geschichte von dem braven Holzknecht und Kriegst
Veteranen Michael Kain, den sie Heuer in seinem neunundneunzig¬
sten Lebensjahr in Goisern begraben haben, ist wirklich wahr,
und wahr ist es auch, daß die Leute Kt Goisern im a%emeittc|tt
tatsächlich alt werden. Die Ursache liegt in dem! rauhen;, aber
kräftigen Hochgeb irgsklima des Talkessels und in der genüg
sam'en, aber arbeitsreichen Lebensweise der meist mit keinen
überflüssigen Geldlasten beschwerten Bevölkerung.
In Goisern besteht das Sprichwort: Bei uns fangen die
Leute meistens zwischen dem sechzigsten und siebzigsten Lebens¬
jahr zum' Sterben an. Ist einer aber einmal über achtzig Jahre
hinaus, dann hat der die -gefährlichste Zeit hinter sich und kann
vielleicht sogar noch alt werden.
Und ebenso wahr wie die Geschichte von dem alten Mich! ist
eine andere Begebenheit, die sich allerdings schon vor längerer
Zeit in Goisern zugetragen hat.
Damals hat der siebzigjährige Pfarrer des Ortes sich ein¬
mal aufgemacht, um ein älteres' Mitglied seiner Gemeinde, das
gerade den vierundneunzigsten Geburtstag feierte, zu besuchen.
Beim Weggehen reichte der Pfarrer dem Geburtstagskind
die Hand und verabschiedete sich mit den'Worten: „Nun also, hof¬
fen wir, daß ich. Ihnen mit Gottes Hilfe in einem Jahre im Na¬
men Mr ganzen Gemeinde die Glückwünsche zum fünfiindnseun
zigsten Geburtstag aussprechen darf!"
„Ja, ja, Herr Pfarrer!" drückte der Alte dem Seelsorger fest
dte Hand und sah ihn ruhig mit seinen klaren Augen an. „Sie
werden freilich, jetzt auch schon bald einundsiebzig Jahre alt. Und
ist einmal der Mensch siebzig Jahre alt, dann kann er nie wissen
und sagen, ob er noch! ein ganzes Jahr lang am Leben ist. Hof-
,en wir darum, daß mit Gottes Hilfe Sie, Herr Pfarrer, in einem
Jahre noch am Leben sind und wieder zn mir kommen können."
Und der viernndneunzigjahrige Goiserer Alte hat damals
wirklich die Sachlage mit klaren' Augen beurteilt. Denn ein Jahr
später konnte er tatsächlich in voller FEche und Gesundheit sei¬
nen fünfundneunzigsten Geburtstag feiern, aber der Pfarrer
nahm an diesem Feste nicht mehr teil.
Denn der Pfarrer war im Winter zuvor schnell an einer
Krankheit gestorben. Weil eben der Pfarrer in Goisern nicht zn
den Holzknechten, sondern zn den andern Leuten gehört.
Franz T u r 16 a.