Full text: Der Inn-Isengau 34. Heft 1933 (34. Heft / 1933)

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Viel mehr spricht dafür, daß es sich hier um ein 
ostbairisches Original aus mittelhochdeutscher Zeit handelt. 
Es sei hier nur auf einige wenige, aber um so beweis 
kräftigere Argumente hingewiesen. In Zeile 10 sagt der 
Dichter „ich quam . . . unz an das In“. Der neutrale 
Artikel vor „Inn" ist eine große Seltenheit, aber charak 
teristisch für einen Vertreter aus dieser Gegend. Ein 
Dichter aus jedem anderen Sprachgebiet außer aus Alt- 
baiern hätte hier selbstverständlich den maskulinen Ar 
tikel gesetzt! In Zeile 23 heißt es „iu" statt „iuch" 
u. s. w. Die Verwendung dieser etymologischen Form, 
die gegen Ende des 13. Jahrhunderts ausstarb, ist be 
zeichnend für einen Dichter, der aus dem „Land des 
Beharrens" stammt, eben aus Baiern, wo man nicht 
zuletzt auf dem Gebiet der Sprache allen Neuerungen 
zunächst abhold gegenüberstand (— und steht!) und sie 
sich erst später zu eigen machte. Weiter sei betont, daß 
der Verfasser auch in der Reimtechnik wohl bewandert 
gewesen sein muß, sonst hätte er sich kaum getraut, auf sloz 
(Z. 26) mit kurzem o groz (Z. 28) mit langem o folgen 
zu lassen. Auch scheinen unserem Dichter die boshaften 
Verse Walters von der Vogelweide nicht unbekannt ge 
blieben zu sein, in denen er seinem Aerger über seine 
schlechte Aufnahme im Kloster Tegernsee ziemlich deutlich 
Luft macht, wenn wir die Zeilen 15 und 16 vor un 
serem Auge vorüber ziehen lassen. 
Auf Grund dieses kleinen, aber m. E. immerhin 
stichhaltigen Beweismaterials glaube ich bestimmt die 
Meinung vertreten zu dürfen, daß wir hier wirklich 
ein Lied eines der fahrenden Sänger, der clerici vagantes, 
vor uns haben, jener zahlreichen feucht-fröhlichen Gesell 
schaft, die von Universität zu Universität zog, mittellos 
und bettelnd, leichtsinnig und ausgelassen, der Repräsen 
tanten einer ausgesprochen weltlichen Poesie, die — wie 
Prof. Mayer-Pfannholz einmal ausführte — „mit ihrer 
jauchzenden menschlichen und allzumenschlichen Auslebe- 
theorie, ihrem überschäumenden Trieb zur dichterischen 
Aeußerung sinnlicher Genüsse wahre problematische Fi 
guren in der großen Frage nach der mittelalterlichen 
Seele" geworden sind.
	        

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