Full text: Der Inn-Isengau 34. Heft 1933 (34. Heft / 1933)

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II. 
Vor geraumer Zeit fand ich im Pfarrarchiv zu 
Raitenhaslach an der Salzach, der einstigen 1143 ge 
gründeten Zisterzienserabtei, obiges Gedicht. Es befand 
sich auf einem leicht vergilbten Zettel von einer Größe von 
14, 2X22 cm, auf dem 21 bläulich schimmernde Zeilen 
von links nach rechts gezogen waren, in sogenannter 
deutscher Schrift aufgezeichnet. Wer hat diese Verse ein 
mal so aufgeschrieben und woher stammen sie? Dies 
war meine sofortige Frage, aber bis heute konnte ich 
mir noch keine Antwort darauf geben. Vielleicht fügt 
es ein glücklicher Zufall, dieses Geheimnis zu lüften, 
wenn dieses Lied hier vielen bekannt wird. 
Im Pfarrarchiv zu Raitenhaslach fand sich nichts 
weiteres, was irgendwie mit diesem Schriftstück in Be 
rührung zu bringen wäre. Auch in der Klosterchronik, 
von Pfarrer Lothar Krick 1896 zusammengestellt und 
heute im Privatbesitz des Bischofs von Passau befind 
lich, ist keinerlei Andeutung zu entdecken. So zeigte ich 
meinen Fund dem Münchener Germanisten Univ.-Prof. 
vr. O. Mausser, der, selbst ein Burghauser, ein guter 
Kenner der Heimat- und Sprachgeschichte sowie der Volks 
kunde und des Brauchtums gerade der Gegend zwischen 
Inn und Salzach ist. Aber auch er kannte dieses Lied 
nicht, war jedoch begeistert von seinem reizvollen Inhalt 
sowie von den gewandt geschmiedeten Versen. Natürlich 
wurde auch die Frage besprochen, ob es sich hier um 
ein Original handle, etwa aus der Zeit von 1270—1290, 
in der hier im damals noch bayerischen Innviertel der 
„Meier Helmbrecht" des Wernher des Zsrtenaere8 ent 
stand, oder ob wir es mit einer Nachdichtung aus dem 
19. Jahrhundert zu tun haben, verfaßt von irgend einem 
begeisterten Germanisten aus der Zeit der Romantiker? 
Letzteres dürfte wohl ganz abzulehnen sein. Es müßte 
sich hier nämlich um einen Gelehrten handeln, der so 
wohl genaue Ortskenntnis im Jnn-Salzachgau besessen 
haben muß und gleichzeitig ein ganz raffinierter Verse 
schmied war und der dann, ohne ähnliche Spuren seines 
Schaffens zu hinterlassen, die Feder für immer aus der 
Hand gelegt hätte,
	        

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