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chemisch festzustellen? Davon liefert die Fakultät von Bordeaux selbst den
Beweis, indem sie die frühern, mittelst Äther angestellten, Analysen von
G i r a r d verwirft, die neuen von R « m o n t und Pellet mittelst Benzin
angestellten als richtig anerkennt. Vielleicht erfahren wir schon morgen, daß
auch letztere Analysen nicht genau, daß sie vielleicht Salicylsäure z u
wenig nachweisen, während die von Girard zu viel angab! Kurz, es
wird jene Trübung ver Verhältnisse entstehen, in welchen sich so manche
Interessenten wohl, die Konsumenten sich aber stets sehr übel
besinden.
Und ist denn die Salicylsäure unentbehrlich? Nicht im mind esten,
sie ist nur Hilfsmittel für Trägheit einer- und für Fälschung andrer
seits. Obst, Gemüse rc. konnte auch bisher, sei es durch Luftabschluß oder
durch genügenden Zusatz guten Zuckers, event, mit ein wenig Rum oder
Kognak, völlig aufbewahrungsfähig gemacht werden. Gute, au natürlichem
Zucker reiche, völlig vergvhren abgelagerte Weine und Biere, brauchen
keine Salicylsäure; schlechte, saure, unreife Getränke freilich brauchen sie,
um anscheinend genießbar zu werden, in um so größerer Quantität, je
schlechter sie sind, und geschmierte brauchen am meisteu. Der Kon
sument aber braucht diese beiden letztern Sorten über
haupt nicht. Darum fort mit der Salicylsäure, wie mit allen
chemischen Hilfsmitteln, welche dergleichen Fabrikate protegiren und andre sonst
gesunde Lebensmittel (Obst, Gemüse rc.) zwar für Pilze und Infusorien unan
greifbar, aber auch für den Menschen giftig machen!
Nachdem die von Or. B a e tz im Archiv der Heilkunde geschilderte Gefahr,
daß wir aus Furcht vor „Bakterien" rc. einer Epidemie prophylaktischer
S a l i c y l o p h a g i e (zu deutsch „einer Volkskrankheit von aus Gesundheits
fürsorge eingeführter Salichlfresserei") anheimfallen könnten, auf dem medizini
schen Gebiet fast glücklich vorübergegangen zu sein scheint, droht sie leider von
Seiten der Herren Interessenten, d. h. der Wein-, Bier- und Kom-
p o t s ch m i e r e r mit verdoppelter Wucht hereinzubrechen! Ob der Reichs
gesundheitsrat da helfen wird oder ob die „prophylaktische Salicyl
säure" einer dem „prophylaktischen <L>chutzpockeneiter" analoge
Behandlung erfahren wird?
Mein Verlangen, und darin dürften mir auch außerhalb der Leser dieses
Blattes Viele beistimmen, geht dahin, daß die Salicylsäure für das, was
sie ist, für „ein Gift" erklärt und demgemäß unter die für solche geltenden
sanitütspolizeilichen Verordnungen gestellt werde!
Nachschrift der Redaktion.
Ich bin vor. Jahr nach M—g zu einem jungen Lehrer gerufen worden, der die Wassersuck t
in hohem Grade hatte; von den Rippen an abwärts bis zu den Zehen war alles so sehr
geschwollen, daß die Vertiefung eines Fingerdruckes erst nach einiger Zeit sich wieder verlor.
Auf mein Befragen nack der Entstehung und Dauer seines Leidens erzählte mir der auf
dem Sopha sitzende, mühsam Atem holende Patient , daß er einen Rheumatismus gehabt
habe und gegen denselben mit Salicylsäure gehandelt worden sei, worauf die Schmerzen
nachgelassen, aber nach und nach eine Anschwellung von den Füßen herauf bis zur Brust
sich eingestellt habe, die ihm das Atmen höchst beschwerlich mache, daneben^ klagte er noch
über Herzklopfen und Urinbeschwerden, sowie, daß die Ärzte ihn nun im Lckiche gelassen!
Also dies ist die herrliche Wirkung der Salicylsäure, während eine Wasserbehandlung gleich
im Anfang den Rheumatismus in kurzer Zeit gehoben und alle üblen Folgen verhütet
hätte; meine Versuche, den Patienten noch zu retten, waren leider vergeblich. G. W.