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eine Frage, die heutzutage allzusehr vernachlässigt wird oder besser gesagt, im
mer mehr in falsche Bahnen kommt, denn leider werden viele Kinder eben
sowohl geistig als körperlich unrichtig erzogen, unrichtig genährt, daher die jetzige
schwächliche Generation, daher auch so viele Kinder- und Jugendkrankheiten,
die durch eine naturgemäße Erziehung und respektive Ernährung größtenteils
vermieden werden könnten.
Doch ich darf nicht zu lange bei meiner Lieblingsfrage (der Gesundheits
pflege des Kindesalters) verweilen, sondern muß meine Reise weiter fortsetzen.
Von Berlin ging es nach Stettin, meiner nördlichsten Station, wo ich
auf Wunsch eines unsrer Gesinnungsgenossen, des so werkthätigen Herrn Mil-
brot, Gründer des Stettiner Vereins für Homöopathie und naturgemäße
Lebensweise, einen Vortrag halten sollte. Sehr gerne entsprach ich diesem
Wunsche und auch in Stettin, wo bis jetzt im Ganzen unsre Sache sehr wenig
bekannt war, fand dieselbe recht vielen Anklang, so daß die Erwartungen der
Organisatoren des Vortrags, der Herren Milbrot und Julius Haß und auch
die meinigen weit übertrofsen wurden. Eine Ehrenerwähnung verdient die
Stettiner Presse, die uns sehr sympathisch entgegenkam und von meinem Vor
trag ein sehr gutes, vollständiges Rcsumd brachte. In Stettin wird durch
obengenannten Verein die naturgemäße Lebens- und Heilweise Fortschritte
machen; cs bürgen hierfür die wackren Männer, welche dort die gute Sache
-in die Hand genommen.
Von Stettin reiste ich nach Breslau, wo von verschiedenen Seiten ein
Vortrag gewünscht wurde, der besonders durch die Güte unsres werten Ge
sinnungsgenossen Herrn Langmann zustandekam. Das für Breslau ge
wählte Thema:
„Über die Dauer des menschlichen Lebens und die Mittel,
dasselbe nicht zu verkürzen"
mußte durch mehrfach ausgesprochnen Wunsch durch dasjenige „Über natur
gemäße Lebensweise" ersetzt werden.
Obschon in Breslau wegen der Kürze der Zeit wenig für die Bekannt
machung unsres Vortrages geschehen konnte, war derselbe doch sehr besucht
und daß der dort ausgestreute Same auf günstigen Boven gefallen, dafür
spricht die Gründung des schlesischen „Vereins für naturgemäße Lebensweise".
Demselben unsre herzlichsten Glückwünsche! Hoffentlich wird auch der diesjäh
rige Vereinstag, der bekanntermaßen im Monat August in Breslau abgehalten
wird, unsrer Sache in Schlesien von großem Nutzen sein.
Von Breslau reiste ich nach Wien, besuchte aber auf meinem Wege in
Oppeln unsre hochverehrten Vegetarianer-Veteranen, die Brüder Wetls-
Häuser, bei denen ich mich nur einige Stunden aufhalten konnte. Sehr
gern hätte ich der Einladung unsrer Freunde Folge geleistet, in Oppeln einen
Vortrag zu halten, leider war dies nicht mehr thunlich, denn mein erster
Vortrag in Wien sollte schon am 10. März stattfinden; das vom Vorstande
des Wiener Vegetarianischcn Vereins gewählte Thema lautete:
„Ist der Vegetarianismus Wahrheit, ist er Irrtum?"
Der schöne Saal der Handelsakademie erwies sich für diesen Abend als
bedeutend zu klein, denn sehr viele Personen fanden keinen Platz mehr, sodaß
ich am Schluß meines Vortrags sofort einen zweiten auf den 14. März an
kündigte. In der Zwischenzeit sprach ich am 13. März im großen Saale
„Zobel" vor einer außerordentlich zahlreichen Arbeiterversammlung:
„Über die Bedeutung des Vegetarianismus für die Arbeiter",
ein Vortrag, der mir aufs neue die feste Überzeugung brachte, daß der bessre