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matismus acutus einige Mäßigung empfiehlt. Dieselbe durfte vielleicht mit der Zeit
ein ähnliches Schicksal haben, wie das Elaylclilorür, dem selbst Wunderlich 's Empfehlung
kein langes Leben verschaffen konnte. Wir erlauben uns, den Fanatikern der materia
medica in dieser Beziehung das Referat von Gouz 6 e anzuführen, welcher (Gaz. des
hopitaux 1853. 90.) die Krankheit rein exspectativ behandelte Ilnd jährlich 6 r st a u n l i ch e
Belege über die L e i ck) t i g k e i t intb S ch n e lligkeit des n a t ü r l i ch e n V e r -
laufs einer Krankheit beibrachte, deren Behandlung Anderen so viel Mühe machte.
Daß unter solchen Umständen der einzelne Fall (pag. 38), der überraschend schnell sich
zum Bessern wandte, nichts für d i e z u f ä l l i g vor h er angeordnete M e di
en t i o n beweisen kann, bürste jedem Unbefangenen einleuchten.
pag. 88 spricht sich der Verfasser entschieden für die Impfung aus, i in Gegensatz
z u d e n sonstigen h o m o o p a t h i sch e n Leh r e n. Wir haben die Verdammung
der Impfung von Seiten der Homöopathie nie recht verstehen können ; wir haben ja hier
nicht nur die praktische Anwendung des Aehnlichkeitsgesetzes, sondern auch die Lehre, daß
eine an Quantität und Qualität viel schwächere Einwirkung eine stärkere neutralisirt. Der
Verfasser ist offenbar hier viel consequenter, als seine Gesinnungsgenossen.
pag. 124 heißt es : Ist aber das Gesammtnervensystem schon in einer gewissen Tiefe gestört,
dann ist zu seiner Wiederherstellung durchaus nicht mehr blos der specifische Arzneireiz hin
reichend, sondern abgesehen von den allgemeinen Lebenseinflüsscn, Luft, Nahrung, Arbeit,
Ruhe — hauptsächlich die Zeit. — Einverstanden , aber das i st ja aber m a l s
die pure N a t u r h e i l m e t h o d e!
Wenn diese Grundsätze, sowie die pag. 37, 38, 39 ausgesprochenen in der Praxis auf-
richtig und consequent durchgeführt werden, wie viel bleibt dann noch für die Arznei
mittellehre (homöopathische und allopathische) übrig ? Zu diesem Rest würden wir dann allen
falls auch noch einige Decilliontheile in den Kauf nehmen, da man ja doch etwas haben
muß, um das wunder- und arzneisüchtige Publikum zu befriedigen, denn:
„Da s Wunder ist des Glaubens lieb st e s K i n d ".
Nach 133 werden „die hohen Verdünnungen selbst bei tubereuloser Meningitis (Hirn
hautentzündung) selten ohne Wirkung gereicht; Besserung und scheinbare Sistiruug werden
selten vermißt, aber hierbei bleibt es, und die Krankheit nimmt ihren gewöhnlichen schlim
men Ausgang". (In der That übe r r a s ch e n d e W i r k u n g e n der Hochpoten -
z e n ! R.)
„Daß aber auch tuberculose Basilarmeningitis durch die Homöopathie geheilt werden
kann, dafür soll ein Beispiel von beträchtlicher Beweiskraft sprechen, denn — „die
Diagnose konnte durch die S e c t i o n b e st ä t i g t werden!" (Wer
lacht da? R.)
Aus des Verfassers Krankengeschichten über Lungenentzündung ist ein besonderer Vor
theil der homöopathischen Behandlung über Dietl's exspectative (arzneilose) Behandlung
nicht ersichtlich. 163. In Beziehung auf Brustfellentzündung legt Verfasser selbst auf die
homöopathische Behandlung kein großes Gewicht. 170. „Wenn ein Constitutionsmittel im
rechten Augenblick, wo der Körper sich genau in den dem Mittel entsprechenden Bahnen
bewegt, gereicht wird, so richtet es das aus, was es wirken kann."' Das ist etwas schwer
zu verstehen; es wird wohl so zu nehmen sein, wie Einer einmal von der Salicylsäure
rühmte, daß sie dann am sichersten wirke, wenn die Defervcseenz (Abnahme der Fieberhitze)
bevorstehe. D. h. also auf gut Deutsch: Die Mittel wirken daun am besten. wenn die
natürliche Wendung zum Bessern ohne d i e s. eingetreten wäre!! Höchst merkwürdig!
Was die Verwendung der homöopathischen Mittel in der Chirurgie betrifft, so glauben
wir, daß die Letztere, welche sich zur innern Medi in verhält wie Mathematik zur Philo
sophie, oder wie Astronomie und Astrologie, nicht nöthig hat, bei der Materia medica
betteln zu gehen.
„Daß bei Verfasser den Nachweis geliefert habe, daß die homöopathische Methode den
anderweitigen medicamentösen Beh .ndlungs weisen oder dem exspeetakiveu (arzueilosen) Ver
söhnn überlegen sei, kann er nicht einmal als seine eigene VlnsickN aussprechen,
geschweige beim als die, welche sich der Leser gebildet, erwarten, jedenfalls aber sei die
homöopathische Behandlung den übrigen wenn sie in tato und cito nicht zurückstehe, d o ch
i m jucunde überlege n."
Ganz sicher, und nur sind mit dem Kritiker im würtemberger Staatsanzeiger (Beil. 8,
28. Apr.) oollständig darin einverstanden, daß, wenn wir vorkommend n Falls zwischen
einem Homöopathen und einem Fanatiker der materia medica ztt wählen hätte'.!, mir ent
schieden dem erstem den Vorzug gäben. (Primum est, non nocere ! Das erste ist, nicht zu
schaden!)
Schließlich können wir nicht umhin, dem Herrn Verfasser unsre volle Anerkenn ttng aus
zusprechen über die Aufrichtigkett und Offenheit, welche in seinem ganzen Buck) zu Lage