Volltext: Der Naturarzt 1870 (1870)

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und rosig geworden, unsere kaum noch schlaffen Muskeln sind stramm 
geworden, die Pulse klopfen lebhafter, unser Gedankenflug ist ein hö— 
herer, für Alles Gute und Schöne wieder empfänglich. Und Alles 
das bewirkt das einfache, klare, krystallhelle, kühle Wasser ... Ein 
anderes Beispiel von der Wunderwirkung des Wassers. Wir befin— 
den uns im Ballsale. Soeben schreitet ein holde, junge Dame an 
uns vorüber. Sie ist von untadelhafter, makelloser Schönheit. Das 
Bischen Schnüren wollen wir ihr nicht zum Vorwurfe machen. Sie 
ist reizend vom Wirbel bis zur Zehe. Jeder Zoll ihres vollendet 
schönen Körpers pulsirt Vergnügen und Glück. Doch, o Schreck! sie 
erblaßt, sie sinkt um, Pulse, Athem stocken, alles Wogen, alles Leben 
ist erloschen. Das Mieder wird durchschnitten, doch die schneeigen 
Wellen sie bleiben unbeweglich. Da entreißen wir dem nächsten Die— 
ner ein Glas Wasser und schleudern kräftig ein paar Tropfen gegen 
die marmorbleichen reinen Züge. Sie athmet auf, die Pulse begin— 
nen wieder zu klopfen, Leben, Glück und Gesundheit sie kehren wie— 
der. Der mächtige Lebensretter, er wird in einen Winkel geschoben 
und nur darüber geklagt, daß es nicht ohne Fleck in der rosaseidenen 
Robe abgegangen. 
Begeben wir uns, um den mächtigen Heilwerth des kalten Was— 
sers kennen zu lernen, nach der Krankenstube. Wir finden ein fieber— 
glühendes Kind, das im Delirium bewußtlos dahinliegt. Jeder laute 
Ausdruck seiner Fieberphantasie, jedes Seufzen, jedes Aechzen schneidet 
der am Bette sitzenden Mutter durchs Herz. Die Augen des Kindes 
glänzen fieberhaft, seine Haut ist brennend heiß und trocken, seine 
Lippen sind verdorrt, seine Zunge krustig vertrocknet. Der äußere, 
der innere Körper lechzt nach Befeuchtung, nach Kühlung. Aber die 
sorgsame Mutter hat noch weit mehr als der behandelnde Arzt das 
Gespenst „Verkühlung“ im Hirne sitzen. Sie häuft Betten und. Decken 
auf das arme Kind und behindert damit noch mehr die einzige na— 
türliche Quelle der Kühlung: die Wärmeabgabe von der Haut aus. 
Die Wärme häuft sich immer mehr im Körper und an der Körper— 
oberfläche an, das Kind wird immer unruhiger, wälzt sich hin und 
her, um an den frischen Linnen doch einigermaßen seine Glieder zu 
kühlen und strampft mit den Füßchen instinktmäßig die Decken weg. 
Doch Mama in ihrer grausamen Zärtlichkeit holt gewärmte Bettlacken 
und die erstickenden Decken werden festgebunden. Das Kind will die 
inneren Gluthen löschen, es gibt dies zu erkennen, indem es an den 
trockenen Lippen saugt. Man sieht dies und reicht in erbarmungs— 
loser Liebe dem verschmachtenden Liebling ein eklich laulicht Gebräu,
	        
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